Historische Karten von Bochum -
Original und Neuzeichnung von Kortum bis heute

Als im Jahre 2013 im Amt für Geoinformation, Liegenschaften und Kataster der Stadt Bochum die Entscheidung fiel, eine Neuauflage der beliebten historischen Kortum-Karte herauszubringen, reifte der Gedanke, das kartografische Werk Carl Arnold Kortums im Rahmen einer Ausstellung im Stadtarchiv zu würdigen. Schnell zeigte sich, dass diese Würdigung auf zwei weitere Personen erweitert werden musste, zum einen auf Rudolf Sellung, der mit seiner Neuzeichung der Kortum-Karte den Nachdruck dieser Karte im Jahre 1972 ermöglicht hat und zum zweiten auf einen leider unbekannten Kartografen, der den als „Cramer-Karte“ bekannt gewordenen ersten Stadtplan Bochums zum Ende des 17. Jahrhunderts gezeichnet hat.

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Gerhard Bergauer
Amt für Geoinformation, Liegenschaften und Kataster
- Verwaltung und kartographische Dienste -
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Die Cramer Karte

(Inventarnummer Stadtarchiv – Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte: SLG 01 447)

In Kreisen der einschlägigen Bochumer Heimatforscher ist diese Karte durchaus bekannt, sowohl Günter Höfken (Günther Höfken: Kortum, der Heimatforscher, in: Die Heimat, hrsg. Vom Westfälischen Heimatbund, 6. Jg., Heft 8, August 1924, S. 200) als auch Bernhard Kleff (Bernhard Kleff: Bochum zu Dr. Kortums Zeit, in: Die Heimat, hrsg. Vom Westfälischen Heimatbund, 6. Jg., Heft 8, August 1924, S. 205) weisen darauf hin, dass C.A. Kortum wohl diese Karte als Vorlage verwendet hat.

Die kartografische Leistung, die hinter dieser Karte steckt, wird aber in diesen Beschreibungen nicht erkannt, Kleff spricht von einem „älteren, laienhaft gezeichnetem brauntintigen Stadtplan“ und beschreibt Kortums Karte als „genauer, ausführlicher und farbig angelegt“.

Ausschnitt aus der Cramer-Karte in Originalgröße. Das größere Gebäude links oben ist das historische Rathaus am Markt. Nur wenige der dargestellten Gebäude sind dreidimensional ausgeführt, bei den meisten ist nur ein skizzenhaft ausgeführter Seitenriss von der Straße seitlich weggeklappt.
Ausschnitt aus der Cramer-Karte in Originalgröße. Das größere Gebäude links
oben ist das historische Rathaus am Markt. Nur wenige der dargestellten Gebäude sind dreidimensional ausgeführt, bei den meisten ist nur ein skizzenhaft ausgeführter Seitenriss von der Straße seitlich weggeklappt.

Die Ausführung der Karte ist in der Tat laienhaft und nicht sehr dekorativ ausgeführt. Die Idee dahinter stellt aber eine echte schöpferische Leistung dar. Die Barock-Zeit war zwar eine Blütezeit der Kartografie, wie die Atlanten von Ortelius, Blaeu und anderen zeigen. Was man aber schwerlich in diesen Atlanten finden wird, sind Stadtpläne. Der größte Teil der Karten dieser Zeit sind Regionalkarten mit Grenzen, Städten und den zugehörigen Wegeverbindungen – genau das, was man auf Reisen zur Orientierung braucht. Die Städte der damaligen Zeit waren aber meist so klein, dass eine Karte der Stadt für die Orientierung ziemlich überflüssig war.

Es ist daher davon auszugehen, dass der Autor der Cramer-Karte noch nie einen Stadtplan gesehen hat, bevor er daran ging, einen Karte von Bochum zu zeichnen. Er musste sich daher selbst eine Darstellungsmethode einfallen lassen und hat hierfür einen sehr originellen Ansatz gefunden. Dem Straßenverlauf folgend klappen die Gebäude-Seitenrisse nach rechts und links weg, quasi also ein Google Streetview® des 17. Jahrhunderts.

Der Zweck für die Erstellung dieser Karte ist nicht bekannt und auch aus den Karteninhalten nicht ablesbar. Mehrere Faktoren deuten aber darauf hin, dass diese Karte in Bochum eine gewisse Bedeutung hatte:
  • die Karte wurde sorgfältig aufgehoben und das über einen Zeitraum von 300 Jahren hinweg.

  • die Karte wurde an mehreren Stellen aktualisiert, z.B. wurde eine Veränderung des Bachlauf des Mühlengrabens sowie eine ganze Reihe von Gebäuden nachträglich ergänzt; erkennbar sind die Fortführungen an der Verwendung einer etwas dunkleren Tusche. Dies lässt darauf schließen, dass die Karte über einen längeren Zeitraum in Verwendung war.

  • die Karte muss in irgendeiner Form öffentlich zugänglich gewesen sein, so dass Dr. Kortum diese als Kartenvorlage verfügbar war.

Der letzte Punkt, der die Bedeutung der Karte zeigt, ist der Umstand, dass der Stadt Bochum diese Karte um 1850, als sie schon mindestens 150 Jahre alt war,  von dem Kaufmann Theodor Cramer (* Bochum 26.10.1819, + 01.01.1893)  geschenkt wurde. Theodor Cramer war ein Cousin von Friedrich Dettmar Cramer, der in Bochum eine Tabakfabrik gegründet hatte. Für die Schenkung wurde die Karte auf Karton aufgezogen und mit einem Rahmen versehen, der folgenden Text enthält:

Plan der Stadt Bochum aus dem Ende des 17. Jahrhunderts.

Geschenk des Herrn Theodor Cramer

Diese nachträglich angebrachte Kartenunterschrift ist der einzige direkte Hinweis auf den Entstehungszeitpunkt der Karte, ob diese Datierung auf einer Schätzung oder aus damals noch vorhandenem historischen Wissen beruht, ist nicht bekannt.

Im Jahre 1925 erschien eine Festschrift zum 200-jährigen Bestehen der Tabakfabrik, in der die Cramer-Karte verkleinert abgedruckt wurde. In der Legende wird die Karte auf 1725 datiert - vermutlich aber um zu dokumentieren, dass die Karte so alt wie die Tabakfabrik ist, einen Beleg für diese Datierung wird aber nicht gegeben.

Weitere Details zur Cramer-Karte folgen im Abschnitt „Vergleich und kartographische Auswertung von Cramer- und Kortum-Karte“.


Die Kortum-Karte

Wie Karl Deike (Karl Deike: Des Jobsiadendichters Carl Arnold Kortum Lebensgeschichte, Dortmund 1910, S. 68) schreibt, hat Kortum selbst berichtet: „Meine schriftstellerische Arbeit im Jahre 1790 bestand darin, dass ich eine Geschichte der Stadt Bochum sehr mühsam ausarbeitete und solche in dem von Weddingen herausgegebenen Neuen Westfälischen Magazin im 5., 6. und 7. Heft abdrucken ließ. Einige Exemplare wurden noch davon besonders abgedruckt, welche ich an gute Freunde austeilte und wovon auch eins dem rathäuslichen Archive der Stadt Bochum, zum beständigen Andenken, von mir verehrt wurde. Ich fügte demselben meinen eigenhändig gemachten Grundriss der Stadt Bochum bei. Dieses Monument wurde vom Magistrate mit vielem Danke angenommen.“

Dass er hierzu die  geometrische Grundlage der 100 Jahre älteren Cramer-Karte und vor allem das gestalterische Konzept mit den seitlich wegklappenden Gebäuden hat, verschweigt er…

Kortum hat aber auch einiges an Informationen ergänzt. Zunächst hat er die abgebildete Kartenfläche deutlich nach außen erweitert. Während in der Cramer-Karte die meisten Gebäude nur sehr schematisch wiedergegeben werden, hat sich Kortum bei der Gebäudedarstellung sehr viel mehr Mühe gegeben. Außerdem hat er die Karte farbig angelegt, mehr dazu in „Die Farbe der Kortum-Karte“.

Im Gegensatz zur Cramer-Karte hat Kortum sich nicht strikt an das Prinzip der von der Straße wegklappenden Gebäude halten. Insbesondere im Südteil der Innenstadt sind eine ganze Reihe von Gebäuden in die Straße hineingeklappt, man sieht sie also quasi von der Hofseite. Von seinem Wohngebäude aus, das in der Rosenstraße stand (heute Bleichstraße), hat aber Kortum jene Gebäude genau aus dieser Richtung gesehen – vielleicht hat ihn diese für ihn gewohnte Sichtweise bewogen, hier vom Darstellungsprinzip abzuweichen.

Auch wenn der Magistrat der Stadt Bochum die Karte „dankbar entgegen genommen“ haben soll, so wurde sie doch nicht sorgfältig aufbewahrt und ging irgendwann im Verlauf des 19. Jahrhunderts verloren. Wie Günther Höfken (Günther Höfken: Kortum, der Heimatforscher, in: Die Heimat, hrsg. Vom Westfälischen Heimatbund, 6. Jg., Heft 8, August 1924, S. 200) schreibt, wurde die Kortum-Karte etwa 1920 dann vom Direktor des Bochumer Stadtmuseums wiedergefunden – in der Auslage eines kleinen Buchbinderladens – und für die Stadt Bochum erworben. Zusammen mit dem Aufsatz Höfkens wurde die Kortum-Karte 1924 als Schwarz-weiß-Reproduktion in der Publikationsreihe „Die Heimat“ des Westfälischen Heimatbunds zum ersten Mal neugedruckt. Bei diesem Druck wurden aus Formatgründen etwa drei Zentimeter am unteren Kartenrand weggelassen. Bei der Fotostelle des Presseamtes der Stadt Bochum liegen aber Schwarzweiß-Negative vor, die die komplette Originalkarte zeigen.

Ausschnitt aus der Schwarzweiß-Reproduktion des Originals der Kortum-Karte. Die Bearbeitung des farbigen Nachdrucks durch Rudolf Sellung erfolgte auf Basis dieser – wie deutlich zu sehen ist – relativ unscharfen Reproduktion.
Ausschnitt aus der Schwarzweiß-Reproduktion des Originals der Kortum-Karte.
Die Bearbeitung des farbigen Nachdrucks durch Rudolf Sellung erfolgte auf Basis dieser –
wie deutlich zu sehen ist – relativ unscharfen Reproduktion.

Leider blieb das Original der Kortum-Karte wiederum nicht lange im Besitz der Stadt Bochum. Den Zweiten Weltkrieg hat die Karte überstanden, nachweislich wurde die Karte 1946/47 in der Ausstellung „Bochum, wie es war und wird“ im Bergbaumuseum Bochum ausgestellt. Bei dieser Ausstellung ist die Karte feucht geworden und daher aus dem Rahmen genommen worden. Die Karte soll danach vom städtischen Boten Herbert für die Wiederherstellung des Kleff-Modells der Stadt Bochum verwendet worden sein. Der Bote hatte die Anweisung, diese darauf in die Heinrich-von-Kleist-Schule zu bringen. Dort ist diese aber nie angekommen. Über den ungeklärten Verbleib der Karte gibt es im Stadtarchiv einen Schriftverkehr aus dem Jahre 1954/1955 . Der genannte Bote Herbert, der die Karte wohl als letzter gesehen hat, war 1955 aber bereits tot – eine weitere Abklärung war somit unmöglich geworden.


Vergleich und kartographische Auswertung von Cramer- und Kortum-Karte

Zur inhaltlichen Auswertung der beiden Karten wurde zunächst versucht, die Karte über das übliche Verfahren der geometrischen Entzerrung mit den aktuellen Kartenwerken zur Deckung zu bringen. Eine solche Georeferenzierung scheiterte aber, da die beiden Kartenzeichnungen ohne jegliche vermessungtechnische Grundlage skizziert waren.

Um trotzdem einen Abgleich mit aktuellen Karten zu ermöglichen, habe ich daher einen anderen Weg beschreiten müssen. Auf Basis der ältesten lagegetreuen Karte, der Gemeindekarte von 1823, die auf dem Urkataster basiert, konnte ich das dargestellte Straßen- und Gewässernetz weitgehend rekonstruieren, soweit es in den beiden Karten abgebildet war. In dieses Netz habe ich die Baublöcke aus der Kortum-Karte einmontiert und entsprechend gedreht, gestaucht oder verzerrt, bis diese in etwa passten. Die hierbei entstandenen, sehr unterschiedlichen Gebäudegrößen resultieren auf der hohen geometrischen Ungenauigkeit der beiden Karten.

Die so entstandene Kartenauswertung ist beim Amt für Geoinformation, Liegenschaften und Kataster der Stadt Bochum erhältlich. Auf der Rückseite der Karte ist leicht verkleinert eine Reproduktion der Cramer-Karte abgedruckt.

Kartengeometrie- und zuschnitt

In dem Bereich, den Cramer- und Kortum-Karte gemeinsam abdecken, ist die Lagegeometrie fast identisch, ein deutlicher Hinweis darauf, dass Kortum hier vieles kopiert hat. Eine eigenständige Ermittlung von Strecken und Winkeln durch Kortum ist sehr unwahrscheinlich.

Die Lagegenauigkeit ist im Bereich der Cramer-Karte nicht besonders gut, aber auch nicht ganz schlecht. Kortum hat aber den abgebildeten Kartenbereich nach außen ausgeweitet und daher die vorhandenen Lagefehler nach außen potenziert. Besonders deutlich wird dies bei der zwischen Brückstraße und Bergstraße aufgespannten Fläche. Während diese in Wirklichkeit beinahe einen 90° Winkel zueinander bilden, laufen sie bei Cramer und Kortum fast parallel – kein Wunder, dass hier die dazwischen liegende Geometrie überhaupt nicht mehr passt.

Das Ausmaß der Verzerrung zeigen die in der Karte skizzierten Kartenbegrenzungen. Während bei der Cramer-Karte noch halbwegs eine rechteckige Fläche herauskommt, ist das bei der Kortum-Karte ein sehr unförmig verzerrtes Gebilde.

Besonders ungenau ist der Bereich südlich des Hellwegs, der nur in der Kortum-Karte abgebildet ist. Hier war es mir nicht möglich, die dargestellten Straßen und Gebäudegruppen sicher einer in anderen historischen Karten nachgewiesenen Situation zuzuordnen.

Lagemäßig sehr unsicher ist auch das katholische Pfarramt, das Kortum wohl unbedingt noch in der Karte darstellen wollte. Dieses lag aber deutlich außerhalb des eigentlichen Kartenausschnitts; auch die Wegeverbindung dorthin ist so nicht in anderen historischen Karten nachzuvollziehen.

Gebäude

Sowohl dem unbekannten Autor der Cramer-Karte als auch Kortum scheinen die Gebäude besonders wichtig gewesen zu sein, bei Kortum scheint sogar jedes einzelne Gebäude ein Mini-Abbild der Wirklichkeit zu sein. Bei Cramer gilt dies nur für die Kirchen und das Rathaus.

Auch eine zahlenmäßige Analyse bestätigt die Annahme, dass beide Kartenzeichner sich bemüht haben, sämtliche Gebäude im Kartenausschnitt darzustellen. In seiner Geschichte derStadt Bochum schreibt Kortum, dass Bochum 402 (Bernhard Kleff: Bochum zu Dr. Kortums Zeit, in: Die Heimat, hrsg. Vom Westfälischen Heimatbund, 6. Jg., Heft 8, August 1924, S. 205) Gebäude  habe. Beim Auszählen der dargestellten Gebäude in der Karte kam ich auf etwa 330, wobei zu berücksichtigen ist, dass das Gemeindegebiet Bochums wesentlich größer war als der dargestellte Ausschnitt; die fehlenden Gebäude können somit außerhalb der Kartenfläche liegen.

Insbesondere im Gebäudebestand liegen auch die Hauptunterschiede zwischen Cramer- und Kortum-Karte. Die Kortum-Karte zeigt 27 Wohngebäude und 17 Nebengebäude, die hinzugekommen sind, also vermutlich neu gebaut worden sind. Es gibt in der Cramer-Karte aber auch 18 Gebäude, die bei Kortum nicht mehr vorhanden sind und wahrscheinlich zwischenzeitlich abgerissen wurden. Außerdem sind sechs Gebäude aufgrund der dunkleren Farbe als nachträgliche Fortführungen erkennbar; all diese sind auch in der Kortum-Karte dargestellt.

Die großen Veränderungen im Gebäudestand sind ein deutlicher Hinweis, dass die Cramer-Karte wirklich deutlich älter ist als die Kortum-Karte. Auch der inhaltliche Vergleich mit der nochmals 50 Jahre späteren Volkhart-Karte (Plan der Stadt Bochum vom Jahre 1842 von Friedrich Volkhart, Nachdruck Rudolf Sellung, 1971) von Bochum von 1842 zeigt deutlich, dass sich Bochum in jenem Zeitraum nur sehr langsam entwickelt hat. Es ist also durchaus plausibel, dass für das bescheidene Wachstum von 44 neuen Gebäuden 100 Jahre notwendig waren.

Gewässer

Bei der Gewässerdarstellung zeigen sich mehrere Stellen, bei denen sowohl die Cramer- als auch die Kortum-Karte von den historisch belegten Gewässerverläufen abweichen. Die erste Stelle ist eine Bachschlinge im heutigen Gerberviertel. Bei Cramer ist diese Schlinge als Fortführung eingezeichnet, die sich zwischen zwei ebenfalls neu eingezeichneten  Gebäuden durchwindet. Möglich wäre, dass hier eine Veränderung des Bachlaufes wegen neu angelegter Mühlen oder Gerbereigebäude (Auf das Vorhandensein solcher Gebäude weisen der Straßennamen Gerberstraße sowie die vormalige Benennung „Mühlenweg“ hin. Günther Höfken: Kortum, der Heimatforscher, in: Die Heimat, hrsg. Vom Westfälischen Heimatbund, 6. Jg., Heft 8, August 1924, S. 202) abgebildet werden sollte. Allerdings gibt es keine weiteren Belege, dass es die Schlinge tatsächlich gegeben hat. Weder die Meinicke-Karte von 1755, die Niemeyer-Karte von 1791-95, die insbesondere bei der Gewässerdarstellung sehr zuverlässig ist,  noch die Karten des Urkatasters von 1823 zeigen diese an. Allerdings zeigen die beiden zuletzt genannten Karten eine Schlinge ähnlicher Form 150 m weiter bachabwärts, möglicherweise hat der Autor der Cramer-Karte hier etwas lagemäßig verwechselt. Die sehr charakteristisch zwischen den Bachkurven liegenden Gebäude fehlen an dieser Stelle aber.

Der zweite mutmaßliche Zeichenfehler betrifft den Gewässerverlauf im Bereich des Becktores. Laut Cramer und Kortum floss der Bach parallel zur Beckstraße, laut allem anderen Kartenmaterial aber parallel zum „Weg nach Herne“, der heutigen Bergstraße. Letzterer Verlauf entspricht dem historischen Stadtgraben, der quasi die „militärische Befestigung“ des kleinen Ackerbauerstädtchens Bochum darstellte. Durch diesen Zeichenfehler rücken auch einige dargestellte Gebäude auf die falsche Gewässerseite. Dies hätte Kortum eigentlich auffallen müssen, wenn er tatsächlich den Straßenverlauf abgeschritten wäre. Vielleicht hat er aber tatsächlich nur die Karte am heimischen Schreibtisch kopiert und die feiner ausgeführten Gebäudeseitenrisse mehr oder weniger aus dem Gedächtnis ergänzt.

Am östlichen Ende der Stadtbleiche zeigt der Bach bei Cramer einen deutlichen Doppel-Knick nach Süden. Dieser Knick ist aus anderen Karten historisch belegt. Kortum deutet die Darstellung in der Cramer-Karte aber wohl falsch, hier geht der Bach geradeaus weiter, parallel zu einem Weg, für den es keinen Beleg im Urkataster gibt.


Neuzeichnungen der Cramer-Karte und der Kortum-Karte

Da die Kortum-Karte offensichtlich kurze Zeit nach der Erstellung wieder aus dem Blick geriet, stand sie den Historikern des 19. Jahrhunderts nicht zur Verfügung. Franz Darpe hat daher seiner „Geschichte der Stadt Bochum“ (Franz Darpe: Geschichte der Stadt Bochum , Bochum 1894 nebst Tafel mit Bochumer Siegel und Stadtplan. Vorwort der Gesamtausgabe von 1894) von 1894 eine Abzeichnung der Cramer-Karte beigefügt, die der „Herr Ingenieur Oldenburger“ angefertigt hat. Diese Abzeichung wurde „in der Hof-Kunstanstalt von F. Gaillard in Berlin durch Phototypie“ als Beilage zur Darpe-Publikation reproduziert.

Bei dieser Karte fallen zwei Dinge auf: Zum einen ist die Paulus-Kirche nur auf den Kirchturm reduziert. In der Cramer-Karte ist das Kirchenschiff hinter dem Turm aufgrund der extremen Perspektive nur schlecht zu erkennen, in der Abzeichnung fehlt es ganz. Zum anderen steht die Zeichnung nach unserem Verständnis auf dem Kopf. Statt Nordosten (wie im Original der Cramer-Karte und in der Kortumkarte) ist hier Südwest oben. Dies führt dazu, dass die Hauptkirche Bochums, die Propsteikirche mit dem Turm nach unten zeigt. Wahrscheinlich ist dieser Orientierungsfehler erst in Berlin bei der Reproduktion in der der Anstalt von G. Gaillard passiert. Einem Berliner fehlt mit Sicherheit die Ortskenntnis und das Verständnis für die Bedeutung der Kirche, auch hat der Reprograf wohl die Orientierung des einzigen Schriftzugs als Anhalt genommen. „Straße nach Herne“ steht in der Tat kopfstehend im Original der Cramer-Karte.

Auch die Abzeichnung der Cramer-Karte in Darpes Buch ist wiederum zur Quelle weiterer Nachzeichnungen geworden.  Als Beispiel seien hier zwei Schülerarbeiten aus dem Bestand des Schulmuseums der Stadt Bochum genannt. Vermutlich hat eine Lehrkraft die Cramer-Karte aus dem Darpe-Buch kopiert. Diese wurden dann wohl von den Schülern im Rahmen des Heimatkunde-Unterrichts beschriftet und ausgemalt. Merkwürdig an dieser Karte ist die Darstellung rund um die Propsteikirche. Während alle anderen Kartenteile fast strichgenau kopiert worden sind, wurde die Propsteikirche direkt an die Untere Marktstraße verschoben und dafür wurden die sich dort befindlichen Gebäude (drei Schulen gemäß der Nummerierung in der Kortumkarte) einfach weggelassen.

Da in diesen Karten der Straßennamen „Buddenbergstraße“ auftaucht, ist eine Erstellung vor 1929 wahrscheinlich. In diesem Jahre wurde nämlich dieser Straßenabschnitt zuerst in Wittener Straße und 1955 dann in Massenbergstraße umbenannt.

Ein zweites Beispiel ist eine Overhead-Projektor-Folie (S.EN.E.R. Arbeitstransparente der Vereinigten Verlagsgesellschaften Bochum-München, Nr. 4; Stockum-Verlag), die aus dem Fundus der Astrid-Lindgren-Schule stammt und vermutlich zwischen 1960 und 1970 für den heimatkundlichen Unterricht herausgegeben worden ist. Laut Titel und Jahreszahl soll es sich um die Kortumkarte von 1790 handeln, zeigt aber eindeutig einen Ausschnitt mit dem Gebäudebestand aus der Cramer-Karte von ca. 1700.

Von der Kortum-Karte gibt es ebenfalls eine historische Abzeichnung. Diese hing in der Kortum-Stube des ehemaligen Heimatmuseums Mülheim an der Ruhr. (Inventarnummer Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr: StA MH 1518 / 62 Grundriss der Stadt Bochum) Es gibt keine Hinweise, von wem und wann diese Kopie angefertigt wurde; die Karte war aber nachweislich vor dem zweiten Weltkrieg schon im Mülheimer Heimatmuseum. Das verwendete Papier deutet aber darauf hin, dass die Karte nach der Wiederentdeckung der Kortum-Karte in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts angefertigt worden ist. Dem Abzeichner hat jedenfalls das Original der Kortum-Karte vorgelegen. Die zeichnerische Ausführung der Karte erreicht nicht die Qualität wie das Original von Kortum selbst, auch scheint die Abzeichnung unfertig – nur ein Teil der Gebäude ist ausgemalt.


Neuzeichnung der Kortum-Karte durch Rudolf Sellung im Jahre 1972

Rudolf Sellung, Portrait 1988
Rudolf Sellung, Portrait 1988
Rudolf Sellung (*01.01.1916 in Herne, +27.09.2000 in Bochum) ist 1941 als Vermessungsinspektor-Anwärter bei der Stadt Bochum angestellt worden und hat seine berufliche Karriere 1979 als Städtischer Obervermessungsrat und als Leiter der Katasterabteilung im Vermessungs- und Katasteramt, dem heutigen Amt für Geoinformation, Liegenschaften und Kataster, abgeschlossen.

Aber nicht nur die Katasterverwaltung lag ihm wohl am Herzen, sondern auch die Kartografie, insbesondere die historischen Karten. Zwischen 1970 und seiner Pensionierung 1979 legte er durch Neuzeichnungen historischer Karten von Bochum und der Grafschaft Mark eine Kartenkollektion auf, die sich bis heute gut im Kreise der Liebhaber alter Karten verkauft.

Technik der Neuzeichnung der historischen Karten

Da die Technik der damaligen Zeit – Scanner und digitale Bildverarbeitung gab es noch nicht – und der Zustand vieler Kartenvorlagen eine direkte Reproduktion ausschloss, musste sich Rudolf Sellung eine Zeichentechnik einfallen lassen, mit der der Kartendruck alter Karten  imitiert werden konnte. In einem ersten Schritt hat er den Grundriss (also die schwarze oder sepiabraune Zeichnungsgrundlage) abgezeichnet und zwar durch Hochzeichnen auf dem transparenten Zeichnungsträger Astralon, eine von der Firma Dynamit Nobel hergestellte Transparentfolie. Gezeichnet wurde mit folienanlösender Tusche, wobei die Zeichnung im Bedarfsfall durch „Schaben“, sprich Wegkratzen von Zeichnungsteile mit einem metallischen Werkzeug, korrigiert werden konnte. Bei modernen Karten wurde in der Regel mit Ziehfedern, die vielleicht noch der eine andere als Bestandteil des Zirkelkastens kennt, gezeichnet. Um einen unruhigen, historisch anmutenden Strich zu erzeugen, bediente sich Rudolf Sellung aber normaler Zeichenfedern.

Auch die historischen Kartenmacher haben mit der Erstellung des Grundrisses begonnen, entweder mittels Kupferstiches (bei Karten, die vervielfältigt werden sollten) oder auch durch Handzeichnen mit Tusche und Feder auf Papier, wie Dr. Kortum das gemacht hat. Die Kolorierung erfolgte in einem zweiten Arbeitsschritt durch Ausmalen mit Aquarellfarben. Solche Aquarellisten, die nicht nur Landkarten, sondern auch sonstige Stiche ausmalten, bildeten eine eigene Berufsgruppe, die dies meist in Heimarbeit erledigten. Erst Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich langsam der mehrfarbige Kartendruck durch.

Wie die historischen Aquarellisten hat Rudolf Sellung auf Basis der Neuzeichnung erstellte Schwarzweiß-Drucke zuerst per Hand aquarelliert. Auf Basis dieser farbigen Entwürfe wurden die Farbflächen dann noch einmal farbgetrennt auf separaten Zeichenträgern angelegt und ein Farbdruck hergestellt.

Ausschnitt aus der von Rudolf Sellung erstellten Neuzeichnung der Kortum-Karte.
Ausschnitt aus der von Rudolf Sellung erstellten Neuzeichnung der Kortum-Karte.

Der Druck der historischen Karten erfolgte im Grafischen Betrieb der Stadt Bochum, der damals eine Abteilung des Vermessungs- und Katasteramtes war. Gedruckt wurde auf einer Einfarbenandruckpresse mit Echtfarben, d.h. es mussten bis zu acht Einzelfarben gedruckt werden, bis die Karte fertig war.

Die meisten Karten von Rudolf Sellung wurden auf gelbfarbiges Büttenpapier gedruckt, um ein wertiges, dekoratives und historisch anmutendes Kartenbild zu erzeugen.

Die Farbe der Kortum-Karte

Da die Kortum-Karte bereits 1947 verloren ging, ist es unwahrscheinlich, dass Rudolf Sellung diese jemals im farbigen Original gesehen hat. Für die Neuzeichnung hat er nur die in Abschnitt 2 beschriebenen, schwarzweißen Reproduktionen der Originalkarte zur Verfügung.

Rudolf Sellung hat sich für eine dezente Farbgebung entschieden – die Schwarzweiß-Reproduktionen wirken jedoch sehr dunkel, vermutlich war die originale Farbgebung wesentlich kräftiger.

Bei den meisten Kartenobjekten legt die Natur schon die Farbe fest, dass Wiesen grün, Äcker gelb-braun und Gewässer blau dargestellt werden ist relativ klar. Bei den Gebäuden gibt es eine solche Regel aber nicht. Rudolf Sellung hat sich für eine rötlich-orangene Farbgebung entschieden.

Kortum selbst schreibt aber, dass die meisten damaligen Gebäude Bochums zwar mit roten Ziegeln gedeckt, aber schwarzweiße Fachwerkhäuser waren. Daneben gab es auch  zahlreiche Häuser im bergischen Stil, also mit grauem Schiefer verkleidet (Bernhard Kleff: Bochum zu Dr. Kortums Zeit, in: Die Heimat, hrsg. Vom Westfälischen Heimatbund, 6. Jg., Heft 8, August 1924, S. 205) Da Kortum mit großer Detailfreude Kleinabbildungen der einzelnen Gebäude angefertigt hat, ist es sehr wahrscheinlich, dass sich dies auch in der Farbgebung widerspiegelt. Die Gebäudedarstellung dürfte daher eher weiß/grau gewesen sein.

Für diese These gibt es zwei Belege. Zum einen erscheinen die Gebäude in den schwarzweiß-Reproduktionen etwas heller zu sein als das verwendete Papier. Auch bei der Kolorierung seiner anderen Zeichnungen verwendete Kortum gerne Deckweiß (wahrscheinlich das damals übliche Bleiweiß) für die hellen Zeichenstellen.

Auch in der Mülheimer Abzeichnung der Kortumkarte sind die Gebäude in grau und Deckweiß eingefärbt, allerdings wurden längst nicht alle Gebäude ausgemalt, wodurch die Zeichnung nur halb fertig wirkt.

Nachdruck der Kortum-Karte im Jahre 2013

Nach über 40 Jahren waren die 1972 angefertigten Drucke der Kortum-Karte weitgehend vergriffen. Daher wurde ein Nachdruck notwendig. Da sowohl Sellungs Originalzeichung als auch die für den Erstdruck verwendeten Druckfolien noch vorliegen, konnten durch Scannen dieser Folien Daten für einen Neudruck gewonnen werden.

Das einzige Problem stellte hierbei die Passgenauigkeit dar. Das Material der Folien Astralon ist organisch und verzieht sich daher unregelmäßig in Folge von Temperatur- und Luftfeuchtigkeitsänderungen. Der maximale Verzug betrug immerhin mehrere Millimeter. Um die farbigen Füllungen wieder einzupassen, mussten diese ausschnittsweise im Bildbearbeitungsprogramm an die richtige Position im Bezug zum Grundriss verschoben werden.

Obwohl uns bewusst war, dass die von Rudolf Sellung gewählte, rötlich-orangene Gebäudefärbung, wie im obigen Abschnitt dargelegt, wahrscheinlich nicht dem historischen Original entspricht, wurde mit Rücksicht auf das in sich stimmige Gesamtbild von Sellungs Neubearbeitung der Kortumkarte darauf verzichtet, die Farbdarstellung zu verändern.

Ergänzt wurden aber drei Standortnummern, die in den relativ dunklen Schwarzweiß-Reproduktionen der Originalkarte nicht erkennbar waren und daher im Nachdruck von 1972 fehlten. Die Lage dieser Nummern konnten der – Sellung wohl nicht bekannten – Mülheimer Abzeichnung der Kortum-Karte entnommen werden.

Anstatt des 1972 praktizierten Echtfarbendrucks wurde aus Kostengründen auf Euro-Skala umgestellt, das heißt die Farbwiedergabe erfolgte mit den Druckfarben Gelb, Cyan-Blau und Magenta-Rot. Nur der Grundriss wurde mit der Echtfarbe Sepia-Braun ausgeführt.


Weitere Kartenbearbeitungen von Rudolf Sellung

Neben der Kortumkarte hat Rudolf Sellung zwischen 1970 und seiner Pensionierung 1979 eine ganze Serie historischer Karten für einen Neudruck aufbereitet. Die dem Amt für Geoinformation, Liegenschaften und Kataster bekannten Kartenbearbeitungen sind nachfolgend tabellarisch aufgelistet. Wenn nicht anders angegeben, handelt es sich bei den genannten Karten um farbige Nachdrucke auf Büttenpapier. Nähere Informationen zu den jeweiligen Informationen sind auf den Internetseiten der Stadt Bochum unter folgendem Link zu finden: http://www.bochum.de/karten62.

Kartenbearbeitungen von Rudolf Sellung
Nummer
Jahrgang des Kartenoriginals
Kartentitel (Bemerkungen)
01
1640
Karte der Grafschaft Mark (nach Willem und Joan Blaeu)
02
1720
Karte der Grafschaft Mark (nach Nicolas Sanson 1600-1667, Nachdruck von Ottens um 1720)
03
1775
Plan der Stadt Bochum (nach Johann Gottfried Meinicke)
04
1775
Karte der Grafschaft Mark (nach Friedrich Christoph Müller, Nachdruck von Hannemann)
05
1791
Karte der Grafschaft Mark (nach Friedrich Christoph Müller, Originalzeichnung nach der Feldaufnahme von F.C. Müller – nur in Schwarzweiß, wahrscheinlich unveröffentlicht)
06
1791
Karte der Grafschaft Mark (nach Friedrich Christoph Müller, Nachdruck von P.F. Weddingen  –  nur in Schwarzweiß, Büttendrucke vergriffen, nur als Ausdruck erhältlich)
07
1821
Bochum (Gemarkung Bochum nach dem Urkataster –  Schwarzweiß-Ausgabe auf Normalpapier)
08
1823/24
Gemeindekarten von Bochum (Zusammenfassung der ca. 40 Original-Kartenblätter der Gemeindekarten auf neun Kartenblättern für das Stadtgebiet Bochum)
09
1842
Grundriss der Stadt Bochum (nach August Volkhart – vereinfachte Farb-Ausgabe auf Normalpapier)
10
1842
Grundriss der Stadt Bochum (nach August Volkhart)
11
1851
Plan der Stadt Bochum (nach einem Stadtplan aus dem Jahre 1851 mit einigen späteren Nachträgen –  einfarbige Ausgabe auf Normalpapier)
12
1877
Übersichtskarte des Stadt- und Landkreises Bochum (nach Keller – einfarbige Ausgabe auf Normalpapier)
13
1877
Bochum (nach „alten Unterlagen“ –  einfarbige Ausgabe auf Normalpapier)
14
1884 bis 1885
Plan der Stadt Bochum (nach Friedrich August Overhoff – die Karte ist erst 1985 erschienen, wahrscheinlich war Rudolf Sellung aber auch nach seiner Pensionierung beteiligt )
15
1886
Übersichtskarte der Gemarkung Bochum (nach der Gemeindekarte 1886)
16
1905, 1935, 1945, 1972
Bochumer Innenstadt (1945 mit Grad der Kriegszerstörung, 1972 Montage aus der Deutschen Grundkarte - einfarbige Ausgabe auf Normalpapier)


Fazit

Wie die zahlreichen Kartenbeispiele gezeigt haben, steht das Kopieren von Karten in einer langen Tradition. Selbst die sehr bekannte Kortum-Karte war eigentlich eine – wenn auch gute und inhaltlich erweiterte – Kopie einer älteren Karte.

Diese Tradition hat Rudolf Sellung erfolgreich fortgesetzt, mit dem jüngsten Nachdruck der Kortumkarte wurde sie jetzt ins nächste Jahrhundert getragen.


Erläuterungen zu Carl Arnold Kortum von Stefan Pätzold

„Dieser attraktive und wohlbekannte Name“
Carl Arnold Kortum (1745-1824) als Bochumer ‚Erinnerungsort’