Vom Dombau zu Bochum

Das Katholikentagsdorf 1949 bis 1957

Hans H. Hanke

Nachdem unter den 600.000 Teilnehmern auf dem Deutsche Katholikentag in Bochum das sogenannte Stundenlohnopfer gesammelt worden war, wurde bis 1953 eine Siedlung errichtet, deren "76 Häuser arme, gequälte Menschen aufgenommen haben", wie es damals in den Verlautbarungen hieß. Der Bischof von Würzburg bezeichnet die Siedlung 1949 als "Dombau"(1). Als vorbildliches Projekt wurde das Katholikentagsdorf bekannt in ganz Deutschland.

Ich möchte Ihnen das Dorf unter verschiedenen Aspekten vorstelle: Wie kam es zu der Idee? Wer war der Initiator Nikolaus Ehlen? Wir werden die Chronologie und Organisation der Ereignisse verfolgen. Die Siedlergemeinschaft "Am Schleipweg" - wie sie sich neutral nennt - entstand im Rahmen eines politischen Konsenses, der als "Eigenheimgedanke" allgegenwärtig war und den man sich bewußt machen muß. Vor allen historischen und theoretischen Hintergründen stehen allerdings die Siedler selbst, die ihre Siedlung hauptsächlich für sich herrichteten und denen eine gewaltige Anstrengung abverlangt wurde.

Um eines gleich vorauszunehmen: Wegen des seit 50 Jahren ganz legitim fortschreitenden Baugeschehens an den Häusern ist die Siedlung heute sicherlich ein Denkmal des Katholikentages, aber denkmalwert im Sinne des Denkmalschutzgesetzes ist sie nicht.

Idee

"Auf das Wort muß die Tat folgen, die Erinnerung und Mahnung sein soll", diese Worte finden sich nicht nur in der Präambel zur Stiftung des Katholikentagsdorfes. Dieser Überzeugung war man schon lange im Vorfeld der Katholikentagsvorbereitungen. Die zu 80 % zerstörte Stadt Bochum sollte nicht 1 Woche zur Feststadt werden, um dann in den Alltag des Ruinenlebens zurückzufallen. Und mehr noch: Die Erkenntnisse auf dem Katholikentag sollten greifbare Konsequenzen haben. Zuerst dachte man daran, mittelmäßig zerstörte Wohnungen in der Stadt wieder herzurichten. Die Mittel wollte man durch den Verkauf einer Sondermarke erzielen. Voruntersuchungen zeigten aber zum einen, daß die Auswahl geeigneter Wohnungen sehr schwer war - und daß die Post keine Sondermarke herausgeben würde. Darüber hinaus wäre der Erlös aus einem solchen Verkauf wahrscheinlich sehr gering gewesen.

Als Nikolaus Ehlen, den ich Ihnen gleich etwas näher vorstelle, mit seinem Konzept zum Katholikentagsdorf nach Bochum kam, war man also besonders aufnahmebereit für neue Vorstellungen, das Wort in eine Tat umzusetzen. Ehlen schlug vor, auf dem Katholikentag den Stundenlohn eines jeden Teilnehmers zur Finanzierung einer Siedlung zu sammeln und überdies die Kosten der Häuser durch Eigenleistungen der späteren Bewohner weiter zu senken. Sein Vorschlag wurde aufgegriffen. Das Projekt stand durch das sogenannte "Stundenlohnopfer" für christliche Notgemeinschaft und durch die Selbsthilfe für selbstbewußte Eigeninitiative. Als dörfliche Gemeinschaft für Arbeiter geplant, konnte es eine Beitrag zur Versöhnung zwischen Kirche und Arbeiterschaft werden. Eigenheime sollten nach allgemeinem Willen die Wohnform der Zukunft werden. Als "Tat" war das Dorf war in hohem Maß anschaulich. Kurzum war man sich rasch einig: Besser geht's nicht! Es sollte sich herausstellen, daß dieses Konzept recht genau auf die Beschlüsse des Katholikentages passen würde.

Nikolaus Ehlen, der Siedlervater

Dr. phil. Nikolaus Ehlen lebte von 1886 bis 1965, war in der Initiativzeit des Bochumer Katholikendorfes also um die 63 Jahre alt. Er war aktiver Katholik und gehörte während der Weimarer Republik als Mitglied des Zentrums zu den prägnanten und umstrittenen Männern der Katholischen Kirche. Ehlen lebte als Studienrat in Velbert. Als Student war Ehlen zur Jugendbewegung gestoßen, deren Grundsätze zum einfachen Leben ihn zeitlebens ebenso prägten, wie der Schillerkragen der Jugendbewegten, ohne den man ihn anscheinend nie traf. Er war eine tief gläubiger Mann, der seinen Überzeugungen in zahlreichen Schriften der katholischen Jugendbewegung Ausdruck verlieh. Den Ersten Weltkrieg hatte er noch als Freiwilliger mitgemacht, nach 1918 setzte er sich für die Überwindung von Haß und Völkerfeindschaft ein. Seine Initiative war es, trotz Inflation und Ruhrbesetzung ein "Versöhnungsopfer für das französische Volk" zu fordern, was ihm erheblichen Ärger, aber auch Anerkennung einbrachte.

1925 begann er mit seiner Siedlungsarbeit in Velbert. Rund 200 Familien hat er bis 1945 zu einem eigenen Heim verholfen. Durch anscheinend allergrößte Hartnäckigkeit und Überzeugungskraft erbettelte er preiswerte Grundstücke und hielt die Siedler zur Selbsthilfe an. Sogar unter den Nationalsozialisten konnte er seine Arbeit fortsetzen, wurde aber als Pazifist verfolgt und beobachtet. Auch 1945 setzte er seine Siedlungsarbeit fort, so daß die Bochumer Siedlung fast schon so etwas wie eine Routine gewesen sein könnte, was sie aber wegen des Katholikentages und des Stundenlohnopfers nicht wurde. Seine politische Arbeit nahm er unter anderem dadurch wieder auf, das er 1946 den "Ring deutscher Siedler" gründete.

Ehlen war jedenfalls eine berühmte, anerkannte und gesuchte Kapazität. Er erhielt verschiedene hohe Auszeichnungen. Der von Ehlen geprägte Begriff eines "familiengerechten Heimes" ging in den Entwurf des ersten deutschen Wohnungsbaugesetzes ein. Letztlich war Ehlen aber von der bundesdeutschen Baugesetzgebung sehr enttäuscht, da die von ihm und vielen anderen geforderte Bodenreform nie verwirklicht wurde.

Dem Bochumer Katholikentagsdorf und dem damit verbundenen Stundenlohnopfer folgten solche Siedlungen 1955 in Fulda und 1956 in Köln. Nach Ehlens Rezept entstanden viele weitere Siedlungen in Deutschland. Sein grenzenloser Einsatz für die Siedler trug Ehlen den Ehrennamen "Siedlervater" ein.

Chronik und Organisation

Der Anfang des Bochumer Katholikendorfes ist weithin bekannt: Unter dem überall plakatierten Motto "Der Schlüssel zur sozialen Gerechtigkeit ist die Siedlung" hängten sich viele prominente und unbekannte Freiwillige eine Sammelhäuschen um und zogen durch die Straßen und über die Plätze. Sie erbaten ein "Stundenlohnopfer". Der Durchschnittsstundenlohn betrug damals 1,60 DM. 100.000,- DM kamen auf diese Weise zusammen, was in Anbetracht der 600.000 Besucher anscheinend hinter den Erwartungen zurück geblieben war. Geschickt verzögernd berichtet Ehlen von insgesamt sieben Säcken Papiergeld, die zu zählen seien, bevor man Ergebnisse bekannt geben könne(2). Noch 1949 wurde auf Basis dieser Sammlung die Stiftung zum Bau des Deutschen Katholikentagsdorfes gegründet. Schirmherr der Stiftung wurde Karl Fürst zu Löwenstein als Präsident des Zentralkomitees zur Vorbereitung des deutschen Katholikentages. Unter den 24 weiteren bekannten Persönlichkeiten waren Erzbischof Lorenz Jäger, Minister Heinrich Lübke, Landtagspräsident Josef Gockeln, Sophie Gräfin zu Eltz, der Bochumer Oberbürgermeister a.d. Franz Geyer und Konteradmiral a.d. Ludwig Stummel.

Das Kernland der Siedlung stellte die Kirchengemeinde Heilig-Geist in Bochum-Harpen günstig zur Verfügung. Etliches mußte aus privatem Besitz hinzugekauft werden, wobei nicht alle Verkäufer bereitwillig Grundstücke abgaben.

Nach Aufrufen in allen Tageszeitung und Bochumer Kirchen versammelten sich 240 Siedlungswillige zum ersten Treffen im Dezember 1949. Die Bedingungen wurden verkündet. Die Häuser waren nicht nur abzuzahlen, sondern es mußte nebenher in der zu dieser Zeit beträchtlichen monatlichen Höhe von 10,- DM noch ein "Notgroschen"angespart werden. Es waren 2.000 Stunden Selbst- und Nachbarschafthilfe neben der alltäglichen Arbeit zu verrichten, was für einige Jahre bestenfalls den Sonntag in relativer Freizeit beließ. Außerdem hatten sich die Siedler während der Bauphase einem Wettbewerb zu stellen, denn nach einem Punktesystem durfte derjenige zuerst eine Häuschen beziehen, der die höchste Bauleistung erbrachte. Eine religiöse oder politische Auswahl der Siedler war nicht vorgesehen, allerdings sollten sie aus Bochum kommen, gesund und handwerklich begabt sein. Nach weiteren Informationsveranstaltungen waren 1949 nur noch 77 Familien bereit oder in der Lage, zu diesen Bedingungen zu siedeln.

Die Siedlergemeinschaft wählte 1949 einen Vorstand und erarbeitete eine Siedler- und Sparordnung. Im Frühjahr 1950 begannen die Bauarbeiten. Nach Maßgabe des steigenden Arbeitsanfalles wurden alle Siedler im Lauf von 4 Monaten zur Arbeit aufgerufen. Die mühevollen Ausschachtungsarbeiten geschahen in Handarbeit, Feldbahnen und Maschinen zur Herstellung von Hohlblocksteinen aus Trümmerschutt waren die wesentlichsten maschinellen Hilfen. Die Ausschachtungsarbeiten für die Kanalisation fand zum Teil ungesichert in acht Metern Tiefe statt. Trotz dieser und anderer Gefahren sind keine größeren Unfälle zu verzeichnen gewesen. In einzelnen Bereichen kamen dann aber auch Baufirmen zur Hilfe.

Nach knapp einem Jahr war der erste Bauabschnitt mit 31 Häusern fertig. Erzbischof Lorenz weihte das Dorf im Mai 1951, gleichzeitig wurde der Grundstein zum 2. Bauabschnitt gelegt. Wegen einer unerwarteten und dramatischen Finanzierungslücke ruhte die Baustelle nahezu drei Monate. Unter sparsamster Materialverwendung konnte nur ein Haus auf eigenes Risiko der Siedler errichtet werden. Schließlich sprang die Harpener Bergbau AG mit Zuschüssen ein und sie sicherte sich als Gegenleistung das Belegungsrecht an 10 Einliegerwohnungen im Dorf. Im Oktober 1952 wurde der zweite Bauabschnitt und im Winter 1952 / 1953 auch der letzte Abschnitt bezugsfertig.

2.800 Arbeitstunden waren pro Familie in Eigenleistung erbracht worden. Wegen der ständig steigenden Baukosten mußten die Siedler also sehr viel höhere Eigenleistungen erbringen als angekündigt. Sie bauten zusätzlich 10 Häuser in reiner Selbsthilfe, obwohl dafür ursprünglich Baufirmen vorgesehen waren. So wurde die Siedlung dann auch ein Jahr später als geplant fertig. Im November 1957 fand die Eigentumsübertragung statt, was aber nicht hieß, daß nun alle Schulden abbezahlt waren. Vorgesehen war eine 30jährige Tilgungszeit.

Die städtebauliche Planung der Siedlung hatte der Leiter des Bochumer Planungsamtes Architekt Josef Hellrung übernommen, Architekten der zwei verwendeten Haustypen war ebenfalls Josef Hellrung, der Architekt H. Bergmann führte seine Planungen fort. Bauträger war die Baugenossenschaft Langendreer. Oberamtmann Joseph Rose war die schwer antreibende und aufmunternde Kraft vor Ort. Dies vor allem, als beim zweiten Bauabschnitt die Finanzierung ausblieb und neu aufgestellt werden mußte.

Die beiden Haustypen wurden als eingeschossige Doppelhäuser mit drei Räumen im Erdgeschoß und zwei bzw. drei Räumen im Dachgeschoß verwirklicht und besaßen 87 bzw. 97 qm Wohnfläche. Die Räume im Dachgechoß wurden zunächst als Einliegerwohnungen genutzt. Die Wohnfläche im Erdgeschoß betrug rund 54 qm, die im Obergeschoß 47 qm. Zusätzlich wurden Ställe errichtet. Das Gartenland war durchschnittlich 800 qm groß. Die Siedlung entsprach dem Standard der gesetzlichen "Reichsheimstätte", denen der Selbstversorgungsgedanken der zwanziger und dreißiger Jahre zugrunde lag. Sie zeigte von daher keinen konzeptionellen Neuanfang. Wie weit dies unter dem Eindruck der Zerstörungen und der gebotenen Eile möglich gewesen wäre, möchte ich hier nicht beurteilen. Eindeutig rückschrittlich war es allerdings, daß die Häuser weder eine Badezimmer noch eine Wassertoilette aufweisen sollten. "Wollt Ihr Villen oder Häuser?" soll Ehlen kritische Anmerkungen zurückgewiesen haben.

Eine Überraschung für Viele wird es wahrscheinlich gewesen sein, daß die Katholikentagsspenden nicht zu "verschenken" waren. Obwohl es in den internen Papieren von Anfang so vorgesehen war, hatte man in der Öffentlichkeit einen entschieden anderen Eindruck erweckt. Die Spenden wurden in Stiftungsmittel für zinslose Darlehen umgewandelt. Die rückfließenden Gelder des Stundenlohnopfers sollten neuen Siedlungsbewerbern in Bochum zur Verfügung gestellt werden, was sich aber wegen der anhaltenden Geldentwertung als Fehlentscheidung erwies. Der Fond besteht bis heute bei der Katholische Kirche und vergibt an bauwillige Christen zinslose Darlehen bis zu 5.000,- DM.

Die 100.000 DM, die auf dem Katholikentag gesammelt worden waren, bildeten nur den kleinsten Teil der aufzubringenden Finanzierung. Das Dorf kostete letztlich rund 2 Mio DM. Davon wurden stattliche 310.000 DM in Eigenleistung erbracht. Ein Haus kostete etwa 26.000,- DM. Die fehlenden Mittel wurden über die üblichen Wege öffentlicher Zuschüsse und Darlehen abgedeckt. Zieht man die durchschnittlich erbrachte Eigenleistung von 4.000,- DM ab, blieben immer noch 22.000 DM von jeder Familie für ein Haus aufzubringen. Die Häuser waren 1951 mit rund 70,- DM monatlich abzuzahlen, die 1957 auf 80,- DM gestiegen waren, was damals für die Siedler ein ungeheurer Betrag gewesen sein muß. Hinzu kam immer noch der erwähnte Sparbetrag von 10,- DM. Eine gleichgroße Mietwohnung kostete in diesen Jahren monatlich nur 40,- bis 60,- DM. Um einen anderen Vergleich zu haben: Die 1951 bis 1955 gebauten ECA-Eigenheime für Bergarbeiter kosteten weniger, nämlich 20.000 DM, Eigenleistung mußte dafür nicht erbracht werden. Das Bochumer Stundenlohnopfer war also letztlich eine wirksame Anschubfinanzierung und ein auslösendes Moment, eine durchgreifende wirtschaftliche Hilfe für die Siedler war es wohl nicht.

In den 76 Häusern des Dorfes wohnten nach der Fertigstellung aller Bauabschnitte 144 Familien mit fast 500 Menschen, darunter 191 Kinder. Das heißt, 7 bis 8 Personen teilten sich 80 bis 90 qm Raum. Von den untergebrachten Familien waren 13 kinderreich, 37 bombengeschädigt, 13 Flüchtlinge, 8 Kriegsbeschädigte und 7 stammten aus Elendsquartieren. Auch Witwen waren mit ihren Kindern aufgenommen worden. Beruflich waren Angestellte, Beamte und Arbeiter vertreten.

2.800 Arbeitstunden wurden in zwei Jahren zusätzlich zu den Berufsstunden geleistet. Das entspricht 53 vollen Arbeitstagen neben der normalen Sechstagewoche, deren einzelne Arbeitstage wegen der notwendigen Überstunden auch meist 12 Stunden dauerten. Neben diesen großen Belastungen für das eigene Heim beteiligten sich die Siedler auch noch am Bau eines Kindergartens, eines Pfarrheimes sowie am Bau der neuen Kirche, die Mittelpunkt der Siedlung und natürlich der umliegenden Gemeinde wurde. Warum hatte man sich für diesen mühseligen Weg, Wohnraum zu gewinnen entschieden? Wären die bewährten Genossenschaften oder Mehrfamilienhäuser mit Schrebergärten nicht ebenso gut gewesen? Hier müssen wir die politische Nachkriegswelt in den Blick nehmen.

"Wir vertrauen auf die schöpferische Macht der Selbsthilfe"

Die Katholikentagssiedlung ist dem großen Bestand an Eigenheimsiedlungen zuzurechnen, die nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut wurden. Das sich alle Beteiligten am Katholikentag 1949 so schnell auf eine Siedlung dieser Art einigen konnten, lag nicht zuletzt an dem Vertrauen, das dieser Form des Wohnens generell entgegengebracht wurde(3).

1948 fehlten in der Bundesrepublik Deutschland 5 Millionen Wohnungen. Bis 1963 war dieser Fehlbestand weitestgehend ausgeglichen. Die weitaus größte Zahl der Neubauten entstand in geschlossenen Siedlungen. Siedlungen sollten unter anderem auch den Eigentumsgedanken fördern. Die meisten Siedlungsprojekte wurden aus Mittel des sozialen Wohnungsbaus unterstützt, so auch eine eigentlich sehr kapitalistische Siedlungsform, die Eigenheim-Siedlung. 1950 entstanden 40.000 Eigenheime, das waren 11 % der in diesem Jahr fertiggestellten Wohnungen; 1959 wurde das einmillionste Eigenheim bezogen, das nach dem Krieg gebaut worden war. Der Eigenheim-Anteil am gesamtem Wohnungsbauvolumen war auf rd. 50 % gestiegen. Der reale Anstieg war beträchtlich, die ideelle Bedeutung wuchs aber noch weit darüber hinaus. Das Eigenheim wurde das Prestigeobjekt der Bundesregierung, das Leitbild westdeutscher Wohnkultur.

Das Eigenheim wurde nur deswegen ein so bevorzugter Bautyp, weil jenseits aller technischen und organisatorischen Fragen zur Bewältigung des Wohnungsnotstandes politische Vorgaben im Siedlungsbau bestanden. Mit den wachsenden Blockgegensätzen begann die forcierte Verbreitung des Eigenheimgedankens, er wurde von amerikanischen und anderen ausländischen Interessen gelenkt und von der Bundesregierung mitgetragen. Kerngedanke dieser Baupolitik war der systematische Wiederaufbau der Schwerindustrie durch die krisensichere Ansiedlung fester Arbeiterstämme. Diese Politik beinhaltete die Absicht, breite Bevölkerungskreise durch Eigentumsbildung unempfänglich für kommunistische Gesellschaftsentwürfe zu machen. Diese Zielsetzung war Konsens aller gesellschaftlich relevanten Gruppen. Sowohl die Sozialdemokratie und Christdemokraten als auch die christlichen Kirchen beriefen sich dabei auf ihre alten Forderungen, Arbeiter am Eigentum zu beteiligen.



Institutionellen Ausdruck bekam die staatliche Eigenheim-Förderung schon 1949 in den Leitsätzen der CDU zur Wohnungsfrage und 1951 im "Altenberger Programm", das als Ergebnis einer Fachtagung die Grundzüge für die Eigenheimförderung festlegte. Hierzu führte Bundeskanzler Konrad Adenauer aus: "Die Schaffung von Eigenheimen muß ... als sozial wertvollster und am meisten förderungswürdiger Zweck staatlicher Wohnungsbau- und Familienpolitik anerkannt werden. ... gerade der Besitzlose (soll) durch Sparen, Selbsthilfe und öffentliche Förderungsmittel zum Eigenheim gelangen und so der Proletarisierung und der Vermassung entrissen werden."

So heißt es auch in den - politisch in Fragen der Bodenreform, sprich Enteignung, allerdings weiter gehenden - Entschließungen des Katholikentages 1949: "Die selbstverantwortliche Entfaltung der menschlichen Person verlangt die Einrichtung echten Eigentums. Die jetzige Eigentumsverteilung widerspricht der sozialen Gerechtigkeit. Um die Kräfte der Familie und des Eigentums für die Existenzsicherung des Einzelnen und den Aufbau unseres Volkes nutzbar zu machen, ist im stärksten Umfang die Siedlung zu fördern. Wir vertrauen auf die schöpferische Macht der Selbsthilfe"(4).

Die entsprechenden Gesetz ergingen in dichter Folge bis 1956. Am 27.6.1956 wurde dann das II. Wohnbaugesetz verkündet, das grundsätzlich festlegte, "weite Kreise des Volkes durch Bildung von Einzeleigentum, besonders in der Form von Familienheimen, mit dem Grund und Boden zu verbinden".

Die von den großen Parteien und Christlichen Kirchen bis in dreißiger Jahre hinein ebenso unter gleichem Vorzeichen der Eigentumsbildung propagierten Baugenossenschaften fanden in den fünfziger Jahren generell kaum noch Fürsprecher und erhielten nach dem zweiten Weltkrieg keine besondere Förderung mehr. Auch sie scheinen als Neugründungen zu wenig das Individuum betont zu haben und kamen in den Ruch, kommunistisch zu sein. Und das, obwohl sich 1949 rund 28.000 Genossenschaften aller Art mit rund 6 Mio Mitgliedern in der Bundesrepublik betätigten(5).

Auffällig ist in sämtlichen damaligen Siedlungsdiskussionen das Wort 'Demokratie', das in nie dagewesenem Ausmaß zu hören und zu lesen war. 'Erziehung zur Demokratie' lautete die selbstgewählte deutsche Parole, die der "Reeducation" - Devise der Alliierten folgte. Stand dabei unmittelbar nach 1945 noch die Bekämpfung der vermeintlichen Wurzeln des Nationalsozialismus im Vordergrund, überwog später während des Kalten Krieges der Antikommunismus. In beiden Fällen machte man allgemein die 'Vermassung' und 'Entwurzelung' des Menschen als Grundübel aus. Vor allem in den großen Städten mit ihren Miethäusern glaubte man die Quelle allen Übels ausgemacht zu haben. In diese Kerbe schlug auch Nikolaus Ehlen 1954 einmal mehr, als er seine Hoffnung auf die Wirkung seines "familiengerechten Heimes" niederschrieb: "Städtische Degeneration, verbreitete Impotenz und Kommunismus" sollten durch das christlich geführte Eigenheim mit Garten überwunden werden(6).

Der seit dem 19. Jahrhundert um sich greifende Anti-Urbanismus war auch in den 50er Jahren mit seiner ganzen Kraft wirksam. Entgegen jeglicher Realität und Erfahrung galt es als ausgesprochene Gefährdung des persönlichen und gesellschaftlichen Wohlergehens zur Miete zu Wohnen. Dagegen wurden Eigenheime als Ausdruck persönlicher Freiheit und Selbstbestimmung als Grundpfeiler der abendländischen, das hieß der deutschen Kultur herausgestellt. In den Augen der politischen Gremien wurde der Bebauungsplan zu dem Feld, auf dem es galt, der 'kommunistischen Weltbedrohung' entgegenzutreten. So formulierte das Bundesministerium für Wohnungsbau 1960: "Gerade in unserer bedrohten Lage am eisernen Vorhang hängt unsere Zukunft davon ab, daß es gelingt, persönliches Eigentum in möglichst vielen Händen zu schaffen. ... Der auf die Auflösung der Eigentumsordnung gerichteten Politik des Kommunismus steht die mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln geförderte Eigentumspolitik der Bundesregierung gegenüber."

Die bundesdeutsche Behauptung, das Familienheim als persönliches Eigentum sei für jedermann ein Ideal, muß uns heute als ein unfaires Spiel mit den deutschen Erfahrungen und Mentalitäten der letzten 200 Jahre erscheinen. Das eigene Haus war niemals die hauptsächliche Wohnform in Deutschland. Im Ruhrgebiet war zum Beispiel das eigentumsähnliche Wohnen in gepachteten Kotten oder in Siedlungshäusern des Werkswohnungsbaus ebenso verbreitet. Nicht zuletzt war das mittelbare Eigentum an einer Wohnung oder an einem Kleinhaus im Genossenschaftsmodell nicht nur verbreitet, sondern auch bewährt demokratisch und solidarisch. Die angebliche Wertbeständigkeit der Häuser und Grundstücke in privatem Eigentum hatten überdies die Bombardierungen und die Teilung Deutschlands gründlich in Frage gestellt.

Das Eigenheim war umstritten, von unterschiedlicher Seite wurde gegen das Eigenheim argumentiert. Die Gewerkschaften sahen eine Beschränkung der freien Wahl des Arbeitsplatzes in der Bindung an ein eigenes Haus. Die Theoretiker der Moderne gingen schon lange davon aus, daß ein Eigenheim mit Garten die kulturelle und politische Eigeninitiative durch Gartenarbeit und Ratenzahlung verdränge. Überlegen sie einmal, wieviel Zeit unseren Siedlern im Katholikendorf für Weiterbildung und politisches Engagement geblieben sein mag. Außerdem war man sich unter Experten einig, daß der Bodenverbrauch von Eigenheimen unverantwortlich hoch sei und zudem für den einzelnen viel zu lange Anfahrtswege mit sich brächte. Bauexperten hatten noch 1949 errechnet, daß Bergarbeitersiedlungen mit Garten und Stall zu viel Land verbrauchen und der Geschoßwohnungsbau mit mindestens 6 Wohnungseinheiten deutlich preiswerter und schneller zu verwirklichen sei(7). In der übrigen Welt war das Eigenheim in dieser 'fest verwurzelnden' deutschen Form nicht üblich; Eigentum an Grundstücken und Häusern wurde mobiler gehandhabt. Nicht zuletzt in den immer als Vorbild dargestellten USA wurden Eigenheime flexibel ge- und verkauft.

Als ergiebiger für die insgesamt willige deutsche Aufnahme des Eigenheimgedankens in Arbeiterschaft und Kleinbürgertum Westdeutschlands kann der nach dem Krieg weit verbreitete Wunsch nach Ruhe und Geborgenheit gelten, der Wunsch nach einer Entpolitisierung der Familie. Nach den Jahren der Fremdbestimmung durch Nationalsozialismus und Krieg nun über das eigene persönliche Umfeld selbst bestimmen zu können, war sicherlich eine nicht zu unterschätzende Verlockung, persönlichen Hausbesitz zu gründen. Eine 1953 durchgeführte Untersuchung nennt entsprechend den Hang zur Zurückgezogenheit und Unabhängigkeit sowie den Wunsch, den Kindern ein Erbe zu hinterlassen, als Motive für den Eigenheim-Erwerb. Solche Gründe haben sicherlich auch die Siedler des Katholikentagsdorfes veranlaßt, sich mit dem Gedanken an ein Eigenheim zu befassen. Ausschlaggebend war aber wohl das anscheinend wirtschaftlich reizvolle Angebot, zu reelen Bedingungen endlich gut unterzukommen. Wer geborgen und selbstbestimmt wohnen wollte, dem blieb in der Bundesrepublik angeblich nichts anderes mehr, als sich"frei zu kaufen".

Siedlergemeinschaft "Am Schleipweg"

Sie haben gemerkt, daß ich einige kritische Punkte in den Konzepten zur Katholikentagsdorf sehe: Der Sammlungsertrag war deutlich überschätzt worden, es kam deutlich zu wenig Geld herein, um die Siedler drastisch zu entlasten. Der Auftrag der Spender, das Geld zu verschenken, wurde zuungunsten der Bochumer Siedler als Stiftung neu interpretiert. Dem gegenüber stiegen die an und für sich schon hohen Belastungen durch die Selbsthilfe mindesten bis an den Rand des Erträglichen an. Ein richtungsweisendes Konzept war die Selbsthilfe nicht. Es wurde eine unkritische, beschönigende Öffentlichkeitsarbeit betrieben, die eine Chance zu Kurskorrekturen nicht zuließ. Ehlens Siedlungsmodell war schon 1925 ein Notstandsmodell, daß sich nur durch die Autarkiebestrebungen der NS-Zeit länger halten konnte. Es war nicht in die Bundesrepublik mit ihren anderen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Anforderungen übertragbar.

Es bleibt also die positive Auswirkung des Stundenlohnopfers, Anlaß zu menschenwürdigen Unterkünften geworden zu sein. Aufrecht erhalten haben diese Wirkung aber nur die Siedler selbst, die mit einer aus heutiger Sicht unglaublichen Willenskraft ihre Siedlung errichteten.

Die hohe Politik hat die Siedler wohl kaum interessiert. Daß der überhöhte Werbewert der Siedlung den Realitäten nicht standhielt, mußten sie schmerzlich erfahren. Sie haben sehr pragmatisch auf die Taten geschaut und haben sich offensichtlich auch gewehrt, wenn sie Grund dazu hatten. So sollten sie - wie erwähnt - nach Ehlens spartanischem Lebensentwurf ohne moderne Wassertoiletten auskommen. Dagegen protestierten sie erfolgreich. Die Ställe der ersten Häuser standen im Garten, so daß der entspannende Blick auf das mühsam erworbene Grün versperrt blieb. Das wurde geändert. Auch die Grundrisse wurden ohne lange Diskussion den tatsächlichen Erfordernissen angepaßt. So richteten sich wohl alle Siedler sehr bald Bäder ein.

Sicherlich hat man in der Katholikentagssiedlung während dieser harten Anfangszeit auch ohne große politische Weiterbildung demokratische Grundregeln verwirklicht, indem jeder für jeden baute. Die so gegründete Gemeinschaft hält als freiwilliger Zusammenschluß bis heute und bis in die zweite oder dritte Generation. Und diese Leute imponieren mir. Der Katholikentag hat einige Tage gedauert, diese Siedlergemeinschaft "Am Schleipweg" dauert seit 50 Jahren. Die soziale Tat des Katholikentages wirkt also durch den Tatkraft der Siedler fort. Und das scheint mir schon eher eine Leistung zu sein, die dem eingangs erwähnten "Dombau" gleichkommt. Ganz anders, als man es auf den ersten Blick vermutet, entspricht die Katholikentagsiedlung dann doch der Katholikentagsidee einer "Tat, die Erinnerung und Mahnung sein soll".

Literatur und Quellen

  • Akten und Zeitungsausschnittsammlung zum Deutschen Katholikentag aus dem Bestand des Bochumer Lokalkomitees.

  • Berichte der IV. Arbeitsgemeinschaft "Siedlung und Bodenreform". In: Generalsekreteriat des Zentralkomitees der Deutschen Katholikentage, Hg.: Gerechtigkeit schafft Frieden. Der 73. Deutsche Katholikentag vom 31. August bis 4. September 1949 in Bochum. Paderborn 1949, S. 249 - 289.

  • Das Siedlerdorf in Bochum-Harpen. In: Die Volksheimstätte. Monatszeitschrift des deutschen Volksheimstättenwerks. 3. Jg. / Mai 1951, Heft 5, S. 12f

  • Ehlen, Nikolaus: Das familiengerechte Heim. In: Sozialreferat der Abendländischen Akademie, Hg.: Eigentum in Arbeiterhand. München 1954, S. 179ff, 184, 188

  • "Erde ist mehr als andere Habe. Unsere Liebe sucht bis zum Grabe Scholle und Land." Wir wollen erzählen vom guten Vater Nikolaus. Festschrift zum 100. Geburtstag. N.N. o.O. O.J. (Hg. v. Kinderhaus St. Nikolaus, Worms 1986)

  • Friedeman, Peter: Sozialer Katholizismus im Wandel am Beispiel des Bochumer Katholikentages 1949. In: Bovermann, Rainer u.a. Hg.: Das Ruhrgebiet - Ein starkes Stück Nordrhein-Westfalen. Essen 1996, S. 63 - 79.

  • Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 1949

  • Hanke, Hans H.: Eigenheime - bewohnte Bollwerke der Demokratie. In. Clemens, Gabriele, Hg.: Kulturpolitik im besetzten Deutschland 1945-1949. Stuttgart 1994, S. 9 - 38.

  • Hanke, Hans H.: Architektur und Stadtplanung im Wiederaufbau. Bochum 1944 - 1960. Bonn 1992.

  • Löwenstein, Felix zu: Das Eigenheim bietet unersetzliche Vorteile. In: Die Volksheimstätte. Monatszeitschrift des deutschen Volksheimstättenwerks. 3. Jg. / Mai 1951, Heft 5, S. 3-5.

  • Siedlergemeinschaft "Am Schleipweg", Hg.; Reimann, Günter, Bearb.: 25 Jahre Katholikentags-Dorf in Bochum Harpen 1949-1949. Bochum 1974.

  • Wolandt, Barbara und Gerd: Nikolaus Ehlen - ein Leben für den Nächsten. Velbert 1986 (Historische Beiträge hg. v. d. Stadt Velbert. H. 7 / 1986)

  • Zeitung "Katholischer Beobachter" 1949

  • Zeitung "Nach der Schicht" 1949/ Nr. 39

  • Zeitung "Der Dom" 1949

Ich bedanke mich bei Günter Reimann, dem Vorsitzenden der Siedlergemeinschaft "Am Schleipweg", der mir durch seine Unterlagen und Schilderungen die wichtigsten Hinweise zur Aufbaugeschichte der Siedlung gegeben hat.

Anmerkungen:
  1. Frdl. Hinweis Dietrich Wegmann auf eine N.N. Tageszeitung vom 19.9.1949

  2. Nikolaus Ehlen: "Was brachte das Stundenlohnopfer in Bochum" in: Katholischer Beobachter, Köln, 15.9.1949. Anschaulich schildert ein Beitrag von "Dr.W." in der Zeitung "Nach der Schicht" 1949/ Nr. 39 Anstrengungen und Reaktionen während der Sammlung. Durch ebenfalls auf dem Katholikentag eingeworbene monatliche Zuwendungen und spätere höhere Spenden konnten dann den Siedlern angeblich 220.000 DM zur Verfügung gestellt werden, bei Friedemann (s.u.) heißt es dagegen, es seien nur 80.000,- DM zusammengekommen, die Zahlen widersprechen sich. 100.000,- DM betrug aber wohl das Ergebnis der unmittelbaren Sammlung auf dem Katholikentag.

  3. Literatur zu diesem Kapitel s Literatur: Hanke, Eigenheime ...

  4. Zusammengezogen aus dem Berichtsband "Gerechtigkeit schafft Frieden", S. 288 und der Veröffentlichung in "Der Dom" vom 18.9.1949.

  5. Handwörterbuch der Staatswissenschaften 1949, Artikel "Genossenschaft".

  6. Ehlen, Nikolaus: Das familiengerechte Heim. In: Sozialreferat der Abendländischen Akademie, Hg.: Eigentum in Arbeiterhand. München 1954, S. 179ff, 184, 188.

  7. Z.B. wurde 1947/48 in Bochum eine Bergarbeiter-Eigenheimsiedlung errichtet, die als erste Siedlung dieser Art in der Nachkriegszeit gilt. Der Baugrund wurde in Erbpacht bereitgestellt, die Erschließung und Bauausführung der Doppelhäuser mit Stall war sehr preiswert gehalten. Trotzdem beurteilte der zuständige Stadtbaurat Massenberg die Finanzierung dieses Bautyps als schweres finanzielles Problem. Er schlug vor, statt dessen dreigeschossige Bauten mit 2 bis 4 Wohnungen pro Geschoss in rationeller Serienfertigung zu errichten. Entsprechende Versuchsbauten hatten sich in Bochum bereits bewährt. s.u.: Hanke, Eigenheime .... Anm. 11;