

Kaiser Otto III. schenkte am 27. April 1001 dem Grafen Liutger aus dem Geschlecht der Billunger den zum karolingisch-ottonischen Reichsgut gehörenden Haupthof in Stiepel. Gräfin Imma, Liutgers Ehefrau, errichtete der Überlieferung nach auf dem Hof Stiepel eine Eigenkirche. Die Erlaubnis dafür soll Erzbischof Heribert von Köln, zu dessen Diözese Stiepel gehörte, am 6. April 1008 erteilt haben. Diese Urkunde, von der lediglich Abschriften aus dem 15. und 18. Jahrhundert existieren, ist allerdings eine Fälschung. Tatsächlich stammt der Gründungsbau der Kirche aus dieser Zeit, wie archäologische Untersuchungen im Zuge der Restaurierungsarbeiten 1999 bis 2003 gezeigt haben.
Nach mündlicher Überlieferung ist Stiepel seit dem Mittelalter ein Marienwallfahrtsort, was urkundlich nicht belegt ist. Jedoch stand vor 1414 in der nördlichen Nebenapsis ein Altar der heiligen Jungfrau, der erst 1740 abgebrochen und für den 1452 die Vicaria Beatae Mariae Virginis gestiftet wurde. In der schriftlichen Überlieferung finden sich Hinweise auf ein Stiepeler Marienbild erst im 19. Jahrhundert.
Dieses Bild - eine thronende Madonna mit dem Christuskind - stand bis um 1820 in der Kirche und ging dann als Geschenk an den Bürgermeister von Blankenstein. Von diesem kam es an den Vikar Giese in Lütgendortmund, der die “Muttergottes von Stiepel” 1844 der katholischen Gemeinde Bochum-Linden schenkte. Dort steht das Madonnenbild noch heute in der Pfarrkirche.

Im Inneren des Torbaus sind Grabsteinplatten aus dem 14. bis 18. Jahrhundert von Patronatsherren und Pfarrern aufgestellt, deren Gruft sich unter dem Altarraum der Kirche befand. Von den Pfarrern, die im Kirchenschiff begraben wurden, sind zwei Grabplatten aufgestellt. Auf der linken Seite im alten Torbau befindet sich die Grabsteinplatte des Pastors Heinrich Withenius († 1744). Rechts neben dem Kirchenportal steht die Grabplatte des 1624 verstorbenen Pfarrers Cluvenbeck, der die Reformation in Stiepel einführte. Als Zeichen dessen ziert diese Grabplatte als Symbol ein Abendmahlskelch.
Neben den Grabmalen, die bis zur ersten Restaurierung 1952 im Fußboden der Kirche lagen, zeigt der Kirchhof zahlreiche alte Grabsteine, die aus heimischem Ruhrsandstein hergestellt wurden. Der älteste Grabstein aus dem Jahr 1600 ist eine Sandsteinplatte mit Halbrundung im oberen Drittel und einer Rosette.
Sehenswert sind auch die Grabsteine mit barocken Schmuckformen wie Engelsköpfe, Herzen und Trauben, die ab 1655 nachweisbar sind sowie die im 19. Jahrhundert an die Stelle der bescheidenen Grabsteine getretenen Denkmäler.

Bei der Restaurierung 1965 wurde ein Tonplattenfußboden entdeckt, dessen Entstehung zwischen 1008 und 1150 anzusiedeln ist. Er bestand aus einem diagonal verlegten Schachbrettmuster aus rotbraunen und blaugrauen quadratischen Tonplatten mit einer Seitenlänge von 19,5 Zentimetern. Da die Kirche im 12. Jahrhundert neu gebaut wurde, verschwand der Tonplattenboden.
Anstelle der alten Saalkirche entstand eine Basilika mit zweijochigem Mittelschiff, dreijochigem Querhaus, Nebenapsiden und Chorjoch. Das Mittelschiff wurde nach Norden und Süden um je ein halbes Seitenschiff erweitert. Vermutlich gegen Ende des 15. Jahrhunderts wurde die Basilika zu einer Hallenkirche ausgebaut. Der Turm, der aufgestockt wurde, bekam an seiner Nordseite einen Treppenaufgang. Die westlichen Joche des nördlichen und südlichen Seitenschiffes wurden neu gebaut und auf die Breite des Querhauses gebracht sowie mit Kreuzrippengewölbe und Spitzbogenfenster versehen.
Die romanischen Fenster der Nord- und Südwand des ehemaligen Querschiffes wurden vergrößert und der Form der gotischen Fenster angepasst - 1952 in der ursprünglichen Form wiederhergestellt - die Fenster in den Nebenapsiden vermauert und 1952 geöffnet. An der Nordwand, die bei der gotischen Umbildung des Chores zum größten Teil erhalten blieb, wurde die Sakristei angebaut.
Der Turm war ursprünglich als Wehrturm gebaut. Das obere Geschoss konnte nur durch eine enge, mit zwei romanischen Säulen und Rundbogen geschmückte Pforte vom Kircheninneren erreicht werden. Die Turmwand wurde mit der Pforte 1952 herausgenommen. Im oberen Geschoss befindet sich heute der Spieltisch der neuen Orgel.
Das steinerne Weihwasserbecken am Nordpfeiler stammt wahrscheinlich
aus der Zeit, in der das Nordwestportal überwiegend benutzt wurde.

Gotischer Taufstein in der Stiepeler Dorfkirche
Die Verlegung einer Fußbodenheizung im Jahr 2002 gab Gelegenheit zu einer Neugestaltung des Innenraums. Heute ruht die Altarplatte von 1698 auf einer Konstruktion von vier Sandsteinquadern, die durch zwei sich kreuzende Stahlplatten getrennt und durch Stahlstangen miteinander verbunden sind.
Die Kanzel ist als schlankes Lesepult gestaltet. Auch Altarkreuz und Osterleuchter in der südlichen Nebenapsis sind aus schwarzem Stahl gefertigt. Sie repräsentieren damit das im 19. und 20. Jahrhundert für das Ruhrgebiet bedeutsame Material. Entwurf und Gestaltung stammen vom Essener Künstler Michael Stratmann.
Die ausladende Empore an der Rückwand des Kirchenraumes wurde bei Installierung der neuen Heizung aus raumklimatischen Gründen abgerissen. Dadurch verlor die Schuke-Orgel aus dem Jahr 1978 ihren Standort; sie wurde an eine katholische Gemeinde in Portugal veräußert. Das Nachfolgeinstrument baute die Orgelbauwerkstatt Kirschner aus Ostfriesland 2004. Die überwiegend aus Blei gefertigten Pfeifen verleihen der Orgel einen warmen, grundtönigen Klang.
Das Geläut besteht aus fünf Bronzeglocken. Die älteste Glocke, die Gebetsglocke, ist die ehemalige Messglocke aus dem Jahr 1481. Die Sturmglocke mit der Jahreszahl 1575 ist dem hl. Cornelius geweiht.

1963/65 gab es eine umfangreiche Nachrestaurierung, in der die Gemälde vollständig freigelegt und gefestigt wurden. Fehlende Partien wurden in Grisaille (in Grau, Weiß und Schwarz) ergänzt. Die Originalbefunde sind damit unberührt und erkennbar geblieben. Eine letzte Konservierung und Restaurierung der Malereien führte 2002 der Kölner Restaurator Martin Kozielski durch. Die ältesten Malereien der Dorfkirche stammen aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts.
Das Dekorationssystem der Kirche ist als westfälischer Ausmalungstyp bekannt. Mit farbkräftigen Marmorierungen sind die Stirnen der Bögen und Gurte sowie Gewölbezwickel geschmückt. Die getünchten Bogenlaibungen sind in der Mitte mit einem Ornamentband versehen.
Der geaderte und der gefleckte Marmor kommen nebeneinander vor. Der geaderte Marmor ist in langen Wellenstreifen aufgetragen, oft einen Winkel oder ein Kreuz bildend. Der gefleckte Marmor zeigt überwiegend längliche bohnenähnliche und kleinere Motive.
In den Gewölbekappen sind Lebensbäume zu sehen. Sie sind stilisierte, symmetrische Rankenbäume mit fünfteiliger Palmette und zwei seitlichen Rankenvolutenpaaren. Die Voluten umschließen Palmetten oder Blattstengel mit paarig angeordneten Blättern, die auch in den Ornamentbändern vorkommen. Darstellungen von Tieren und Sternen begleiten die Lebensbäume, die in dieser charakteristischen Form in Westfalen vom 12. Jahrhundert bis 1220/30 nachweisbar sind.
Die hockenden Jünglinge an den Schildwänden der Vierung, die aus Amphoren Wasser gießen, stellen die Personifikation der vier Paradiesesflüsse dar.
Auf der Triumphbogenwand befindet sich in der Mittelnische der dreiteiligen Blendarkade eine Darstellung des segnenden und richtenden Christus, der auf einem Mauersockel mit rundbogigen Öffnungen steht. Christus zeigt gegenüber Kain die geschlossene Gotteshand mit einer Buchrolle (Gesetz), gegenüber Abel (mit Lamm) die offene Gotteshand zum Segen.
Das Bild des Bethlehemitischen Kindermordes in der nördlichen Apsis und die sich daran auf der Ostwand des Querhauses anschließende Darstellung der Flucht nach Ägypten schließt ein Band aus drei parallelen, ockerfarbenen Horizontalstreifen ab.
Zur ältesten Malschicht gehören auch die Malereien in der Halbkuppel
der Südapsis mit dem Symbol der Gotteshand, umgeben von einer Aureole.
Aus dieser Hand fallen die sieben Strahlen des Heiligen Geistes in eine
zweite Aureole. Links und rechts darunter sind Sonne und Mond
dargestellt.

Wandmalerei in der Stiepeler Dorfkirche
Unter den erhaltenen gotischen Malereien wird der Drachenkampf des hl. Georg auf der nördlichen Wand des Chorraumes um die Mitte des 15. Jahrhunderts datiert. Das Bild gibt den Verlauf der Legende wieder. Es ähnelt den rheinischen Tafelbildern des Georgkampfes, die auch aus dem Ende des 15. Jahrhunderts stammen.
Das Gemälde unterhalb des Drachenkampfes zeigt sechs an einem Tisch sitzende Gestalten. Nach der Schichtuntersuchung, Malweise und den verwendeten Farben ist es jünger als der Drachenkampf; bei dem beschädigten Bild des 16. Jahrhunderts handelt es sich wahrscheinlich um eine Darstellung von Christus im Hause Simons, des Pharisäers.
Die Apostel an den Chorwänden haben zwei verschiedene Maler dargestellt. St. Andreas (mit Kreuz), St. Thomas (mit Winkelmaß) und St. Simon (mit Säge) sowie die Apostelfigur auf dem Pfeiler gehören noch in die spätgotische Zeit, St. Judas Thaddäus (mit Buch und Walkerstab) und St. Philippus (mit Kreuzstab) lassen bereits Renaissanceformen im oberen Rahmenabschluss erkennen.
Auch der Weltenrichter am Chorabschlussgewölbe und die vier Darstellungen des Paradieses (Erschaffung der Eva, Sündenfall, Verstoßung, Vertreibung aus dem Paradies) im nordwestlichen gotischen Joch gehören zu den Malereien des 16. Jahrhunderts. In diese Zeit gehört wahrscheinlich auch der Gemälderest einer Geburt Christi im Westjoch des südlichen Seitenschiffs. Das Bild zeigt ein auf einem Fliesenboden liegendes Christuskind.
Von der spätgotischen Malerei im Gewölbe des Chorraumes waren nur kleine unzusammenhängende Stücke vorhanden. Um eine ruhige Wirkung zu erzielen wurden die Malereireste übermalt. Zu einer Vervollständigung in Grisailletönen reichten sie nicht aus.
Bei jeder durch die Restaurierung freigelegten und entdeckten Schicht handelt es sich um eine einheitliche Komposition und ein Gesamtprogramm.
Nach der Restaurierung der Malereien bietet sich ein vielfältiges Bild. Obwohl entstanden in verschiedenen Epochen, sind sie Ausschnitte aus einem Bilderzyklus, der als gemalte Bibel zum Verweilen und Nachdenken einlädt.
Evangelische Kirchengemeinde Stiepel
Brockhauser Straße 72 a
44797 Bochum
Telefon: 0234 / 791337
www.evkirchebochum.de/stiepel
www.dorfkirche-bochum-stiepel.de (1000 Jahre Stiepeler Dorfkirche)