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Else Hirsch

Porträt von Else Hirsch, schwarz-weiß Aufnahme

Engagement im Widerstand

Else Hirsch (1889 bis 1943)

Wer sie sah, vermutete nicht, was in ihr steckte: Sie war klein und zurückhaltend, eher unvorteilhaft gekleidet, und manch einer beschrieb sie als „altjüngferliches Fräulein“. Doch die Jüdin Else Hirsch entpuppte sich als eine der bedeutendsten Wiederstandskämpferinnen in Bochum.

„Richte nicht den Wert des Menschen / schnell nach einer kurzen Stunde / Oben sind bewegte Wellen / doch die Probe liegt im Grunde“. Dieser Spruch, den Else Hirsch einer Schülerin ins Poesiealbum schrieb, traf auch auf sie – eine auf den zweiten Blick außergewöhnlich charakter- und willenstarke Persönlichkeit - zu.

Sie wurde 1889 in Mecklenburg-Schwerin geboren und kam erst Ende 1926 nach Bochum. Sie, die das Lehramts-Examen für höhere Schulen hatte, war arbeitslos und wurde per Zuweisungsbescheid verpflichtet, an der Israelitischen Schule zu unterrichten. Zunächst alles andere als begeistert, arbeitete sie sich dank ihres Pflichtgefühls und ihrer Gewissenhaftigkeit ein und eroberte schnell die Herzen der Bochumer Mädchen und Jungen.

Sie lebte zusammen mit ihrer Mutter; in ihrer Freizeit engagierte sie sich in der Jüdischen Frauenbewegung sowie in der Fürsorge der Jüdischen Gemeinde und unterrichtete Hebräisch. Diese Nebentätigkeit wurde ihr entzogen, als die Schule im Herbst 1933 ins Fadenkreuz der Nazis geriet.

Die Zeit, die folgte, war geprägt von Schikanen: So gab es keine finanzielle Hilfen mehr für jüdische Schülerinnen und Schüler, die sich die Bücher nicht leisten konnten. Der Gipfel: Else Hirsch wurde entlassen, an der gesamten Schule gab es nur noch einen einzigen Lehrer. Schließlich verwüsteten SA-Horden das Gebäude in der Pogromnacht im November 1938. Alle offiziellen Repräsentanten der örtlichen jüdischen Organisationen wurden deportiert – und Else Hirsch kämpfte dafür, dass die Schule wiedereröffnet wird. Was ihr Anfang 1939 auch gelang. Allerdings nur für ein gutes halbes Jahr: 1941, zu dem Zeitpunkt schon in eine Privatschule umgewandelt, wurde die Schule aufgelöst.

Else Hirsch gab längst neben ihrer Arbeit als Lehrerin private Sprachkurse in Englisch und Hebräisch, um Juden auf ihre Auswanderung vorzubereiten. Und – zusammen mit einer Gemeindesekretärin – organisierte sie von Ende 1938 bis August 1939 Transporte jüdischer Kinder und Jugendlicher aus Bochum nach Holland und vor allem England. Die gesamte Vorbereitung lag in ihren Händen: Sie registrierte die Kinder, füllte lange Fragebögen aus, stellte Unterlagen zusammen, schickte die Papiere nach London, besorgte die Ausreisegenehmigungen, reservierte die Plätze in den Zügen, kaufte die Fahrkarten und stand in engem Kontakt zu den Eltern.

Eine Ironie des Schicksals ist es, dass sie selbst nicht mehr ins rettende Ausland flüchten konnte, da 1941 die Emigration der Juden verboten wurde. Lange gingen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler davon aus, dass Else Hirsch im Konzentrationslager Theresienstadt oder aber in Ausschwitz umgekommen sei. Neue Forschungen belegen jedoch, dass sie ins Ghetto von Riga verschleppt und dort umgebracht wurde. 

Auch dort dachte sie weniger an sich selbst als an andere: Den Kindern erteilte sie Unterricht, für alte Menschen pflückte sie Brennnesseln und Löwenzahn und kochte es als Gemüse zu den kargen Mahlzeiten. Wahrscheinlich wurde die Lehrerin in der ersten Jahreshälfte 1943 eines von insgesamt sechs Millionen Opfern des Holocaust.

Heute erinnert ein Stolperstein in der Bochumer Innenstadt an ihr Wirken. Ein Überlebender von Riga bringt in einem Brief rückblickend das Wesen von Else Hirsch auf den Punkt: „Sie war eine Frau mit großem Mut und großer Hingabe.“


Andrea Behnke

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