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Das Niobe-Mosaik des Ignatius Geitel

Clemens Kreuzer

Geschichte und aktuelle Aspekte eines Bochumer Mahnmals

Bochum hat zwei nach Größe und künstlerischer Bedeutung herausragende Mahnmale, die an die Opfer des 2. Weltkriegs erinnern: Als „zentrales Mahnmal“ gilt die 1955 von dem Bildhauer Gerhard Marcks im Basaltlava geschaffene, 3,30 Meter hohe Frauengestalt, die am
4. November 1956 (dem Jahrestag des großen Luftangriffs auf Bochum) an ihrem Standort neben der Pauluskirche enthüllt wurde. Sie stellt eine alte trauernde Mutter dar, deren leidvoll sinnender Blick in die Ferne gerichtet ist. Das zweite, der Entstehungsfolge nach so gar erste, weil schon zwei Jahre vorher, nämlich zum 4. November 1954 fertig gestellte Mahnmal befindet sich im Vorhof des Bochumer Hauptfriedhofs am Freigrafendamm: das Niobe-Mosaik des Bochumer Künstlers Ignatius Geitel.
Es sind zwei Mahnmale, die in ihrem künstlerischen Ausdruck gegensätzlicher kaum sein können und die dennoch beide – jedes auf seine eigene Art – in eindrucksvoller Weise grenzenlose Trauer darstellen. Die Marcks-Plastik verkörpert in ihren ruhigen, schlichten Formen wie auch durch die stark nachgedunkelte Basaltlava, auf der die Natur stellenweise einen dunkelgrünen Belag wie eine Patina geschaffen hat, eine zeitlos in sich ruhende, stille Trauer (und Hoffnung?) ausdrückende Gestalt. Geitels Niobe dagegen, in teilweise leuchtenden Farben und einer ausdrucksstarken Gestik, schreit ihre Not und Trauer, ihre Klagen und Anklagen geradezu zum Himmel.
Zwei Gründe sind Veranlassung, dem Niobe-Mosaik in diesem Jahr besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Erstens: Im kommenden November existiert das Kunstwerk 50 Jahre; zum
4. November 1954, dem Zehnten Jahrestag des großen Luftangriffs auf Bochum, wurde es fertig gestellt. Zweitens: Das in den letzten Jahren zunehmend verfallende Kunstwerk ist seit dem Herbst vergangenen Jahres grundlegend restauriert worden und seit Anfang dieses Jahres – an dieser Stelle darf eine abgegriffene Metapher erlaubt sein, weil sie wörtlich zu nehmen ist – erstrahlt das Mosaik wieder in seinem alten Glanz. Die Sanierung des Mauerblocks, an dem es sich befindet, wird in den Sommermonaten dieses Jahres vollendet.
Die dann erfolgte Fertigstellung des Mahnmals wäre ein guter Grund – dies als Anregung – den 60. Jahrestag des furchtbaren Luftangriffs auf Bochum am 4. November dieses Jahres vor dem erneuerten Mahnmal mit Geitels Niobe stattfinden zu lassen, ein halbes Jahrhundert, nachdem der Künstler sie zum Zehnten Jahrestag des schlimmen Bombenhagels geschaffen hat.
Geitels Niobe-Mosaik lässt sich sowohl entstehungsgeschichtlich als auch in seinen heutigen ästhetischen Bezügen nicht aus seiner Umgebung herauslösen. Es ist in die Geschichte seines Standorts eingebettet und hat an ihm besondere ästhetische Funktionen. Deshalb muss es in seinem Umfeld dargestellt werden.

Im Kontrast zum Umfeld

Der großflächige Vorhof des Bochumer Hauptfriedhofes wird – aus der Eingangsperspektive – in seiner rechten Hälfte von massiven Friedhofsbauten mit Werksteinfassaden eingerahmt, während hochwüchsiges Grün den Freiraum zur Linken abschließt, unterbrochen nur von einem mächtigen Werksteinblock. Vor ihm ragt ein stählernes Hochkreuz bis etwa zur Höhe der gegenüber liegenden großen Trauerhalle auf, und in seinem rechten Drittel leuchtet in kräftigen Farben das 4 Meter breite und fast 2,5 Meter hohe Mosaik mit der Niobe-Darstellung.
Der Kontrast, in dem dieses Mahnmal zu den ihm gegenüber liegenden Bauten – insbesondere der großen Trauerhalle – trotz der materialgleichen Werksteingrundlage steht, wird auf den ersten Blick offenkundig: Hier das hoch aufragende, schlanke Metallkreuz und ein großflächiges Mosaik, das trotz seines ernsten Bildinhalts Leichtigkeit, Farbigkeit und Bewegung vermittelt, gegenüber aber feierliche Schwere, Monumentalität und düstere Eintönigkeit. Bei genauerem Hinsehen wird der Gegensatz an manchem Detail noch deutlicher: Etwa in den sechs überlebensgroßen Steinskulpturen beiderseits des Eingangs zur großen Trauerhalle, heroische, unwirkliche Gestalten in starrer, kalter und abweisender Strenge, zu denen der Betrachter von unten aufschauen muss, während Geitels Mosaik gegenüber eine in expressiver Lebendigkeit Leid und Schmerz zum Himmel schreiende Frau zeigt, der man auf nahezu gleicher Augenhöhe gegenüber steht.

Im künstlerischen Ausdruck liegen Welten zwischen den beiden Seiten des Vorhofes, obwohl das Mahnmal zur Linken keine zwei Jahrzehnte nach den Bauten zur Rechten und ihren Skulpturen entstanden ist. Zwischen beiden gibt es jedoch die Zäsur des Jahres 1945, die auch Kunst und Architektur aus einem anderen Geist als dem des vorausgegangenen Dritten Reiches entstehen ließ. Die zwischen 1935 und 1941 errichteten Friedhofsbauten sollten konsequent im Sinne repräsentativer nationalsozialistischer Bauauffassung Macht und Stärke demonstrieren und ihre Figuren nach zeitgenössischer Interpretation unter Anderem die Verkörperung des heldischen Kampfes und die Kämpfer des neuen Reiches darstellen. Dagegen sollte das im ersten Nachkriegsjahrzehnt auf der anderen Seite des Platzes entstandene Mahnmal, dem so gar nichts heldisches und heroisches anhaftet, mit seinem Hochkreuz die von nordisch-germanischer Mythologie geprägte Traueranlage christianisieren und mit Geitels Mosaik Wehklage über die Opfer des Krieges, Anklage wider die Sinnlosigkeit des Krieges ausdrücken. Das Mahnmal war eine öffentliche Reflektion auf die NS-Friedhofsbauten, blieb allerdings die einzige bis heute.

Mahnmal im „Ehrenfriedhof“

Die Entstehung dieses Mahnmals hängt eng mit der Schaffung eines sogenannten „Ehrenteils“ des Friedhofes für Kriegsopfer zusammen, der anfangs auch einfach „Ehrenfriedhof“ genannt wurde.
Im Herbst 1949 hatte der Innenminister des Landes NRW in einem Runderlass empfohlen, für die Kriegsopfer einen besonderen „Ehrenteil“ auf den öffentlichen Friedhöfen vorzusehen und Zuschüsse zu den Kosten eines entsprechenden Ausbaus sowie zur Umbettung der Toten in Aussicht gestellt. Der Regierungspräsident von Arnsberg, der den ministeriellen Erlass wenig später an die Kommunalverwaltungen – so auch an die Stadt Bochum – weitergab, konkretisierte ihn mit der Verfügung, sämtliche einzeln bestatteten Toten nach Möglichkeit auf einen besonderen Ehrenteil der Friedhöfe umzubetten.
Der Bauausschuss des Stadtparlaments, zuständig auch für die öffentlichen Grünanlagen und Friedhöfe, befasste sich am 15. Mai 1950 mit diesen Anregungen und sprach sich schließlich grundsätzlich für die Ausgestaltung eines „Ehrenfriedhofes“ in der Anlage am Freigrafendamm aus. In Anlehnung an frühere Pläne schon aus der Kriegszeit wurde nun ein endgültiger Entwurf ausgearbeitet. Im Januar 1951 übermittelte ihn die Stadt dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. (VDK), dessen Beteiligung und Zustimmung zusätzliche Finanzierungsmittel erschloss.
Die verbale Beschreibung der Absichten in diesem Brief vermittelt ein Bild der damaligen Überlegungen: Als Ort wurde der schon in früheren Jahren vorgeschlagene Platz im Raum des Vorhofs des Hauptfriedhofs gewählt. Die schweren und feierlichen Bauformen der untereinander verbundenen großen und kleinen Trauerhalle sowie die umschließenden, im gleichen Material gebauten Eingangsbauten geben die Möglichkeit, diesen Platz in einem großen Bogen durch eine der vorhandenen Bauart sich anpassende Mauer im gleichen Material zu umschließen. Als Abschluß dieser Mauer ist ein Denkmal in Blockform mit davor stehendem Hochkreuz gedacht. Noch im Laufe des Jahres 1951 ist der Mahnmalblock gebaut und vor diesem das Hochkreuz aufgerichtet worden.
Dann kam das Vorhaben einige Zeit nur schleppend voran. Erst im Juli 1953 wurde die weitere Ausgestaltung des Ehrenteils mit der Umbettung der rund 300 verstreut auf den verschiedenen Gräberfeldern beigesetzten gefallenen Soldaten vom Bauausschuss beschlossen, ein halbes Jahr später vom Hauptausschuss bestätigt und schließlich im Frühjahr 1954 mit der Anlage der erhöhten Umwegung, den Plattierungen und Gehölzanpflanzungen begonnen. Der geplante Mauerbogen mit einer zwei Meter hohen Umfassungsmauer aus Ruhrsandstein wurde nicht realisiert, sondern stattdessen eine Hochhecke zur Begrenzung des Platzes gepflanzt. Im Herbst 1955 kam es dann zur Umbettung der 300 gefallenen Soldaten, und am Volkstrauertag desselben Jahres wurde die Anlage in einer feierlichen Gedenkstunde vom Oberbürgermeister der Öffentlichkeit übergeben und von den Repräsentanten der beiden großen Kirchen geweiht.

Das Mosaik am Mahnmal

Aus den Akten ergibt sich, dass nach der ursprünglichen Konzeption des Mahnmals in den Werksteinmauerblock Gedenktafeln eingelassen werden sollten, vermutlich beschriftete.
Wie es zu der Idee eines farbigen Mosaiks anstelle von Gedenktafeln und der Einschaltung des Künstlers Ignatius Geitel kam, ließ sich im Detail nicht mehr aufhellen. Maßgeblich beteiligt an der Entscheidung für ein Mosaik und für die Befassung Geitels mit einem Entwurf war jedenfalls Stadtbaurat Clemens Massenberg. Er kannte und schätzte den Künstler, der erst Ende 1949 aus russischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrt war, sich aber schnell einen Namen als Glasmaler gemacht und schon 1950 von der städtischen Bauverwaltung den Auftrag erhalten hatte, für den als „Kortumschänke“ hergerichteten Bochumer Ratskeller 32 Kunstglasfenster mit Jobsiade-Motiven zu schaffen.
Massenberg bat am 21. Mai 1953 das Kulturamt unter dem Rubrum Hochkreuz-Mosaik auf dem Friedhof Freigrafendamm, einen Beschluss des Kulturausschusses über die künstlerische Ausgestaltung des Mahnmals herbeizuführen. Dazu schrieb er an die Kulturverwaltung: Im Zusammenhang mit dem Friedhof ‚Im Kriege gefallener Bochumer’ und dem Hochkreuz wurde ein Block aus Werkstein errichtet, der eine figürliche Darstellung tragen soll. Die Anlage wird zusammen mit den Trauerhallen und den Eingangsbauten einen Vorhof für den Zentralfriedhof bilden. Als figürliche Darstellung auf dem Werksteinblock hatten wir an ein Mosaik gedacht. Wir sind dieserhalb mit dem Künstler G e i t e l in Verbindung getreten und haben mit ihm als Motiv eine klagende Mutter abgesprochen. Inzwischen ist der Karton i. M. 1:1 im Atelier von Herrn Geitel fertig. Außerdem haben wir ein Modell von der Anlage angefertigt.
Am 15. Juni 1953 fasste der Kulturausschuss, dessen „Unterausschuss für Fragen der bildenden Kunst“ sich zuvor mit Entwurf und künftigem Standort des von Massenberg vorgeschlagenen Kunstwerks befasst hatte, einstimmig den Beschluss: Das Mosaik mit der figürlichen Darstellung einer klagenden Mutter wird nach Thema und Form für geeignet gehalten, das Ehrenmal als ein Zeichen des Gedenkens und der Besinnung wirkungsvoll auszugestalten. Zusammen mit diesem Votum legte Massenberg dem Bauausschuss am 6. Juli 1953 den Entwurf von dem Künstler Geitel für ein Mosaik mit figürlicher Darstellung einer klagenden Mutter auf dem Steinblock hinter dem Hochkreuz am Eingang des Hauptfriedhofes Freigrafendamm vor, und der Bauausschuss stimmte dem Vorhaben gleichfalls einstimmig zu.
Zwei Tage später wurde der Entwurf der Öffentlichkeit in Wort und Bild in der Presse präsentiert, und am 16. Juli 1953 erteilte die Stadt dem Künstler den Auftrag, das zeichnerisch auf Karton entworfene Bild in ein Mosaik umzusetzen.
Viele Künstler pflegten Glasmalereien und Mosaiks nur zu entwerfen und überließen die Ausführung der Entwürfe dann Kunstglashütten oder entsprechend spezialisierten Kunstwerkstätten. Im Gegensatz dazu hat Ignatius Geitel seine Entwürfe, die zur Realisierung kamen, auch selbst kunsthandwerklich umgesetzt. Das war bei diesem Mosaik nicht anders. Er unterteilte die ca. 4 Meter lange und 2,40 Meter hohe Bildfläche in 40 etwa gleichgroße Felder von 40 cm Breite und 60 cm Höhe und fügte in ihnen Steinchen für Steinchen zusammen; alles in allem sollen es rund 40.000 sein. Die Mosaiksteinchen schlug er selbst aus opakartigem Glasfluss, der als besonders widerstandsfähig gegen die aggressive Revierluft galt und seine Farbkraft behalten würde. Natürlich geschah dies alles nicht draußen an der Werksteinwand am Freigrafendamm, sondern in seiner Werkstatt in dem alten Maschinenhaus der stillgelegten Zeche Carl Friedrichs Erbstollen in Stiepel.
Mehr als ein Jahr dauerte es, bis das Mosaik fertig war. Am 25. Oktober 1954 begann Geitel mit dem Einbau der 40 Mosaikfelder in den Werksteinblock des Friedhofs und schloss ihn unmittelbar vor dem 4. November 1954 ab, an dem auf dem Hauptfriedhof eine Feierstunde zum Zehnten Jahrestag des furchtbaren Bombenangriffs auf Bochum vorgesehen war.
Wohl aus der Fertigstellung zu diesem Gedenktag und vielleicht auch aus der Darstellung des Mosaiks, das eine Mutter mit zwei Kindern zeigt und in dessen Bildhintergrund stürzende Mauern angedeutet sind, ist in einem kurz zuvor veröffentlichten Pressebericht geschlossen worden, es gehe um ein Mahnmal für die zivilen Opfer des Bombenkrieges, das zum Zehnten Jahrestag des Luftangriffs auf Bochum eingeweiht werde. Jahrzehnte später noch ist die Erstellung des Niobe-Mosaiks so begründet worden.
Eingeweiht wurde es jedoch in der Feierstunde zum Zehnten Jahrestag des schweren Luftangriffs nicht, obwohl dies bei einem Mahnmal für die Bombenopfer nahe gelegen hätte, sondern ein Jahr später zum Volkstrauertag 1955 als Element des nun fertig gestellten „Ehrenteils“ im Vorhof des Hauptfriedhofes mit den hierher umgebetteten gefallenen Soldaten. Die Gräberfelder der zivilen Opfer befanden und befinden sich jenseits der Umwegung und der hochwüchsigen Gehölzabgrenzung, die den Vorhof hinter den Soldatengräbern bis zum Mahnmal umschließt. Ein visueller Bezug besteht somit zwischen dem Mal und den Soldatengräbern, nicht aber zu den Gräberfeldern der Bombenopfer. Dass das Mahnmal dennoch von Anfang an auch den zivilen Opfern des 2. Weltkriegs gelten sollte, ergibt sich aus der Einladung der Stadt zur Einweihung am Volkstrauertag 1955, in der umfassend von der Ehrenanlage für die Toten des
2. Weltkrieges die Rede ist.

Niobe – Zur Ikonografie der Darstellung

Geitels Darstellung lässt diese Interpretation auf jeden Fall zu: eine Mutter mit zwei sterbenden Kindern – oder sind es nicht schon Jünglinge im Soldatenalter?
Das Mosaik zeigt eine schmerzvoll klagend nach oben blickende Frau, die Trauer und Anklagen zum Himmel zu schreien scheint. Die linke, an die Wange gelegte Hand unterstreicht ihr Klagen, während der rechte, herabhängende Arm einen der beiden Knaben berührt, der offenbar leblos zu ihren Füßen liegt; der andere lehnt sich – noch aufrecht, aber wohl gleichfalls sterbend – gegen den Körper der Mutter. Der dunkle Hintergrund mit seinen schwarzen und grauen Mosaikflächen, unterbrochen von angedeuteten grünen Feldern und stürzenden roten Bauten, lässt die in starken Farben geschaffenen Gestalten, vor allem die blau gewandete Frau mit ihrem goldgelben Haar, plastisch hervortreten.
Geitel hat mit dieser Szene, die Schmerz, Klage und Anklage ausdrückt, auf die antike Mythologie zurückgegriffen: Er stellte Niobe, die Königin von Theben, dar. Sie hatte nach den Schilderungen Homers die Göttin Leto verärgert, als sie den Frauen von Theben sagte, die Verehrung, die man der Göttin wegen ihrer Zwillingskinder Artemis und Apollon entgegenbringe, gebühre eher ihr selbst mit ihren zahlreichen Kindern. Auf Geheiß der Göttin tötete daraufhin Artemis die sieben Töchter und Apollon die sieben Söhne der Niobe mit Pfeilen. In ihrem unaufhörlichem Weinen und Klagen wurde diese schließlich zu einem Felsen, aus dem ihre Tränen weiter als Quellen strömen.
Die Kunst hat Homers Bericht von der Niobe immer wieder dargestellt. Bereits im 5. und 4. Jahrhundert vor Christus entstanden Bilder und Skulpturen der klagenden und der zu Stein erstarrten Niobe und vom Tod ihrer Kinder. Später haben Künstler der Renaissance und des Barock das Motiv wieder aufgegriffen, schließlich auch die Bildhauer Pradier (1822) und Auguste Rodin (1900). Geitels Mosaikfiguren kommen in Haltung und Gestik jener Skulptur nahe, die sich als römische Kopie eines griechischen Originals aus dem 4. Jahrhundert vor Christus in den Uffizien zu Florenz befindet.
Ignatius Geitel hat sich sowohl in seinen Studien als auch in seiner Kunst häufig mit Gestalten und Geschehnissen der antiken Mythologie befasst, besonders gern mit der Odyssee. Die Niobe kommt in seinem Oeuvre zweimal vor: Neben dem Mosaik auf dem Friedhof enthält sein Skizzenbuch aus den 1950er-Jahren eine dort von ihm als Niobe gekennzeichnete, aber völlig anders als in dem Mosaik dargestellte Frauengestalt, ohne ihre Kinder, vielleicht als die zu Stein werdende Klagende.
Eigentümlicherweise finden sich in den Schriftstücken der städtischen Akten über die Beschaffung des Mosaiks und auch in den entsprechenden Beschlussprotokollen der Ratsausschüsse keinerlei Hinweise auf die Herkunft des Motivs aus der antiken Mythologie. Da ist immer nur allgemein von der Darstellung einer klagenden Mutter die Rede. Noch 1959 umschreibt der städtische Verwaltungsbericht für die Jahre 1953-1957 das Niobe-Motiv: es zeige in antiker Form eine von schmerzlicher Trauer erfüllte Mutter mit ihren Kindern. Auch die Zeitungsartikel, die Anfang November 1954 von der Fertigstellung des Kunstwerks auf dem Hauptfriedhof berichten, gehen nicht auf die antike Gestalt ein. Dass Geitels Mosaik die Niobe zeigt, ist aus den schriftlichen Zeugnissen der Entstehungszeit nur einmal belegt: Als eine Bochumer Zeitung den Künstler im Herbst 1954 vorstellte, erwähnte sie auch die im Atelier inzwischen fertig gewordene, auf dem Friedhof aber noch nicht eingebaute Arbeit: Das Mosaik stellt in dezenter und wirkungsvoller Farbkomposition ein Motiv aus der griechischen Mythologie dar: Niobe mit ihren Kindern.

Das Niobe-Mosaik heute

In den letzten Jahren befand sich das Mosaik in einem erbärmlichen Zustand, den die mit der Restaurierung betraute Restauratorin später so beschrieb: Einzelne Mosaikplatten waren verschoben. Die Mosaiksteinchen waren teilweise lose, zeigten Risse und Absprengungen. Manche Glasstücke fehlten. Ein großer Teil der Platten war zerbrochen oder zeigte Risse. Ebenso desolat stellte sich der Steinblock dar, der es trägt; seine Werksteinfassaden waren aufgebrochen, die Metallabdeckung hatte sich gelöst und verbogen.
Bereits 1988 hatte Inge Diergardt, Lebensgefährtin des 1985 verstorbenen Künstlers Ignatius Geitel die Stadt Bochum als Eigentümerin des Mahnmals auf dessen – damals noch vergleichsweise geringe – Schäden hingewiesen. Im Jahre 1991 stellte Marina von Assel in ihrer zu diesem Zeitpunkt abgeschlossenen Dokumentation der Kunst im öffentlichen Raum von Bochum fest, dass die Mosaikwand des Mahnmals leider in sehr schlechtem Zustand sei. Auch weitere Hinweise von Inge Diergardt in den Jahren 1992 und 1995 an die Stadt auf den nun zunehmenden Verfall blieben ohne Reaktion, obwohl das Mahnmal 1993 unter Denkmalschutz gestellt worden war. Nachdem sich Hans H. Hanke für die Kortum-Gesellschaft im August 2001 öffentlich engagiert hatte, gab es wiederholt parlamentarische Initiativen im Kulturausschuss, wo ein entsprechender Etatansatz aber noch im Mai 2003 von der Mehrheit abgelehnt wurde. Erst im Spätsommer konnte die Finanzierung der Instandsetzung sichergestellt, im Oktober mit der längst überfälligen Restaurierung begonnen werden. Der „Leidensweg“ des Kunstwerks ist hier ausführlicher beschrieben, weil er typisch ist für den hiesigen Stellenwert von Kunst im öffentlichen Raum.
Im Herbst konnte dann die Bochumer Diplom-Restauratorin Hanna Barbara Hölling, die schon an den Restaurierungsarbeiten in der Stiepeler Dorfkirche beteiligt war, mit der Restaurierung des Mosaiks beginnen. Dazu wurden die 40 Teilsegmente aus dem Steinblock ausgebaut und in eine in den Nebengebäuden des Friedhofs eigens eingerichtete Werkstatt gebracht, wo die Mosaiken Segment für Segment gereinigt und neu verfestigt wurden, nachdem defekte Steinchen ersetzt und fehlende ergänzt waren. Am Ende der zwei-monatigen Aktion wurden die Mosaiksegmente in eine neue, in dem Mauerblock verankerte, solide Edelstahlkonstruktion eingehängt. Dieses Verfahren gibt dem Kunstwerk stärkeren Halt, unterstützt seine Durchlüftung und verhindert ein Durchnässen aus dem Mauerwerk, reduziert also deutlich die Ursachen des bisherigen Verfalls. Im Januar dieses Jahres war die Restaurierung des Mosaiks beendet, im Sommer folgte noch die Sanierung des übrigen Mauerblocks.
Damit dürfte das Mahnmal mit dem Niobe-Mosaik wieder für eine größere Zeitstrecke gerüstet sein. Seine Erhaltung ist nicht nur wichtig, weil es ein Werk von hoher künstlerischer Qualität eines bedeutenden Bochumer Künstlers ist, sondern auch, weil Mosaik und Hochkreuz Kontrapunkt jener gebauten Ideologie des Nationalsozialismus sind, die hingenommen werden muss, aber nur erträglich wird durch das Korrektiv des Mahnmals gegenüber mit der klagenden und anklagenden Niobe.

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